Kolumne: So läuft es : Wenn die Jeans zur Lauftight wird

Unser Kolumnist hat eigentlich immer genug Laufsachen dabei, nur jüngst in München war das anders. Hose vergessen - die Ersatzjeans musste reichen. Und das lief gut.

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Lauf-Hosen? Zur Not ja.
Lauf-Hosen? Zur Not ja.Foto: Reuters/Segar

Wer so richtig laufsüchtig ist, der hat vorgesorgt. Für alle Situationen. Ähnlich wie ein Raucher oder ein Alkoholiker, hat der Laufjunkie immer seinen Stoff dabei. Seinen Klamotten-Stoff.

Raucher kennen das ätzende Gefühl. Wenn alle Supermärkte und Tankstellen geschlossen und die Zigaretten ausgegangen sind. Man verfällt in Panik, der kalte Entzug setzt sofort ein. Irgendwann bunkert man mindestens ein Päckchen Kippen. Ich habe den Stress 20 Jahre mitgemacht. Und ich habe mir geschworen: So einem Stress setze ich mich nicht mehr aus. Und fing mit dem Laufen an.

Die gesündere Sucht ist das in jedem Fall. Und toll ist: Mit dieser Sucht bin ich nicht alleine. Ungefähr 13 Millionen Menschen in Deutschland geht es so wie mir.

Früher bunkerte ich Zigaretten, heute sind es Laufklamotten. Egal wohin ich muss, ich habe immer einen Extrakoffer mit Laufsachen dabei. Ich laufe täglich, ich laufe viel, wenn ich auf Dienstreise bin, brauche ich viele Laufsachen. Und je nach Wetter brauche ich eine große Auswahl. Was früher der Stress mit den Zigaretten war, ist heute die Angst, nicht genug Laufsachen dabei zu haben. Den Extrakoffer kontrolliere ich vor Abreise immer zweimal.

So auch letzten Samstag. Es war nur eine kurze Dienstreise nach München. Und ich war mir sehr sicher: Ich hatte alles dabei. Als ich am Morgen den Koffer öffnete, um einen Halbmarathon an der Isar zu laufen, passierte das, was jeder Junkie am meisten fürchtet: Alles dabei, doppelt und dreifach. Nur nicht eine einzige Laufhose. Dafür aber zwei Ersatzjeans. Skinny, natürlich. Nachdem der erste Schock überwunden war, fasste ich einen kecken Entschluss: Laufoberteil an, Laufschuhe ... und ... die blaue Ersatzjeans. Und trotzdem los.

Die Blicke, die mir entgegen gebracht wurden, waren ein Mix aus Mitleid, Erstaunen und geschocktem Entsetzen

Warum auch nicht in Jeans? Die Hose, die als Arbeitshose für Goldgräber erfunden wurde. Robust, für extreme Belastungen. Das war um 1850. In den 1950er Jahren war die Jeans das Symbol des Protests der Jugend gegen Tradition und Autorität. Nur wahre Revoluzzer trugen damals Jeans. Und so setzte ich die Tradition einfach fort. Und für diesen Morgen war ich der Rebell von Bogenhausen.

Der Laufrebell Kleiß machte sich auf den Weg, an der Isar entlang. Zwischen Schickeria-Ladies mit Mops und den coolen Laufhipstern in den teuersten Laufklamotten ever. Ich fühlte mich zunächst wie einer dieser Sonderlinge, die quasi auch in Badehose in die Sauna gingen. Die Blicke, die mir entgegen gebracht wurden, waren ein Mix aus Mitleid, Erstaunen und geschocktem Entsetzen. Eine etwas ältere Hundesitterin, die mit 15 Hunden unterwegs war, schaute mich an und sagte: „Mei, koast du der koa Laufhosn leistn?“ Entweder man bricht vor Scham spätestens an dieser Stelle zusammen, oder man fühlt sich wie der Rebell, der nun durchzieht. Und ich zog durch. Und wie. Ich gab Vollgas. Ich lief eine neue Bestzeit. Und ich will Ihnen etwas sagen: Es war gar nicht so schlecht in Jeans zu laufen. Eine Lauftight ist nicht besser. Und sorgt garantiert nicht für so viel Spaß. Unbedingt ausprobieren! Gleich am Wochenende! So läuft es!

- Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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