Kolumne: So Läuft es : Ein Obdachloser und sein Lauf

Unser Kolumnist hatte auch mal schlechtere Zeiten. Wegen der lieben Menschen, die ihn damals nicht fallen ließen, hilft auch er heute gern.

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Was kostet die Welt?
Was kostet die Welt?Foto: dpa

Sie kennen mich. Ich bin nicht einer dieser Laufexperten, die predigen, wie Sie noch schneller unter die drei Stunden beim Marathon kommen. Und Sie werden in dieser Kolumne nie einen Diätplan finden, wie Sie möglichst schnell 20 Kilogramm abnehmen. Auch heute soll hier Platz sein für eine kleine Geschichte, eine Begegnung, die motiviert. Es sind diese kleinen Momente, die mich immer und immer wieder antreiben. Aus denen ich Kraft für den nächsten Lauf schöpfe.

Aniss jobbt als Servicekraft in einem Kölner Restaurant. Aniss ist Läufer, und er arbeitet hart für den Sieg. Beim Köln-Marathon hat er sich vor einigen Tagen gleich um 13 Minuten verbessert und ich weiß: Er hat irre viel dafür getan. So lange wie ich Aniss kenne und mich stets kurz mit ihm über das Laufen austausche, so lange kenne ich Sascha. Er bedient das klassische Klischee eines Obdachlosen. Fürchterlich dünn, eingefallen gar, sodass die speckige Lederjacke von den Schultern beinahe abfällt.

Er verkauft die Obdachlosenzeitung, und oft wird er vertrieben. Man sieht ihm den Junkie an, und er macht kein Geheimnis daraus. „Ich habe mir gerade den Backenzahn selbst rausoperiert. Mit einem Zahnstocher. Das Ding musste raus. Ich hatte einen Geschmack im Mund, als wenn man zu viel Kohl gegessen hat. Kennst Du den Geschmack?“, fragte mich Sascha. „Ich habe einen Vorstellungstermin als Koch. Da kann ich nicht stinkend hin. Und ich muss duschen. Und brauche neue Socken. Kannst du mir 15 Euro leihen, Mike?“

Er ließ mich selbst besser fühlen, als nach manchem Marathon

Ich erinnerte mich an die Zeiten, in denen es bei mir nicht lief. Als ich noch nicht lief. Als ich dick war und vielleicht keine gute Ausstrahlung hatte. Damals waren liebe Menschen für mich da. Und nun konnte ich etwas zurückgeben. In Form von 15 Euro. „Wir machen einen Deal, Sascha. Ich gebe dir das Geld. Am Freitag um 14 Uhr treffen wir uns hier. Und du gibst es mir zurück. Nur dann kaufe ich dir auch in Zukunft die Zeitung ab“, sagte ich. „Deal. Ich bin Freitag hier“, sagte er. Sascha gab mir seine sehr kraftlose Hand darauf.

Aniss erzählte mir: „Kolleginnen von mir haben Sascha übrigens auch schon Geld geliehen. Er hat es nicht zurückgegeben, Mike.“ Ich war Aniss dankbar. Für seine Geste und für seinen Hinweis. Und doch war Ruhe in mir. Eine merkwürdige Art von Vertrauen im Herzen. Zwei Tage später, Punkt 14 Uhr, stand Sascha vor dem Restaurant. Er strahlte. Er hatte den Job nicht bekommen. Aber er drückte mir die 15 Euro in die Hand. „Ich habe einen Schritt gemacht. Ich bin übrigens zum Termin gelaufen, Mike. Ich habe einen Anfang gemacht.“ Damit ließ er mich selbst besser fühlen, als nach manchem Marathon. Innerlich jubelte ich. Und ich zeigte Sascha, wie stolz ich auf ihn war. Jeder von uns hat die Möglichkeit, einem anderen die Chance zu geben, sich zu bewegen. Nutzen wir sie. So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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