Kolumne: So läuft es : Einfach mal stehen bleiben!

Es klingt paradox, aber das Schöne am Laufen ist auch mal das Stehenbleiben. Weil man dann Gedanken fasst, die sehr tief sein können, wie unser Kolumnist Mike Kleiß festgestellt hat.

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Jogger im Schnee. Manchmal tut es gut, auch mal beim Laufen eine Pause einzulegen. Foto: null
Jogger im Schnee. Manchmal tut es gut, auch mal beim Laufen eine Pause einzulegen.Foto: null

Gerade den Anfang eines Jahres erleben viele Menschen als besonders intensiv. Die ruhigen Tage sind vorbei, und der Trott geht mit voller Wucht wieder von vorn los. Es ist die Zeit der Veränderungen. Neuer Job, neue Ziele, neue Lebenssituationen. Eine Zeit, in der viele Dinge gut überlegt sein wollen. Und oft fehlen uns die Zeit und die Ruhe, um überhaupt klare Gedanken fassen zu können. Es ist nicht neu, dass das Laufen hier helfen kann. Wenigstens während eines langen Laufs einfach mal den Kopf zu öffnen, diesen Effekt kennt jeder Läufer.

Durch Schnee Eis und Matsch kann man sich um diese Jahreszeit per se schnelle Läufe abschminken. Auch die Laufmotivation ist oft im Keller. Wer sich dennoch auf den Weg macht, stellt ab und an fest: Man könnte zwischendrin einfach aufhören. Weil irgendwie nichts mehr geht. Auf einer Strecke, auf der eigentlich immer was geht. Und genau hier ein sehr verwegener Rat: Stoppen Sie! Bleiben Sie einfach stehen! So oft es eben sein muss.

Diese Momente sind besonders wertvoll, man muss sie nur zulassen. Schauen Sie sich um, holen Sie tief Luft, spüren Sie tief in sich hinein. Sie werden merken, dass das nicht nur unglaublich erholsam ist. Es werden Gedanken und Emotionen frei, die eine andere Qualität haben. Eine tiefe und sensible Art von Gedanken und Gefühlen. Innehalten, der Natur zuhören, die Stille des Winters genießen. Die ersten Vögel kehren langsam zurück. Sie werden sie hören. Sie hören sie nicht, wenn Sie einfach schnell Ihr Training abreißen. In den letzten Wochen bin ich oft stehen geblieben. So habe ich der Sorge um meine Großmutter Raum geben können. Ich habe spüren dürfen, wie sehr ich sie liebe. Und wie sehr ich sie eines Tages vermissen werde. Ich habe den Scherz auf der Strecke gelassen. Und bin weitergelaufen. Um nach einigen Kilometern erneut zu stoppen.

Auf einer Anhöhe beugte ich mich zu Kara herunter. Meine junge Hündin lebt erst seit einigen Tagen bei uns. Sie wurde von den anderen Hunden, die mich seit fünf Jahren begleiten, liebevoll aufgenommen. Wie viele Hunde aus dem Tierheim ist sie voller Angst. Es scheint, als wolle sie sich im Wald lieber vergraben. Um nicht gesehen zu werden. Ich hielt inne. Streichelte sie fünf Minuten, bis sie sich etwas entspannte. Bis sie meine Nähe suchte. Bis sie mir zeigte: „Lass uns wieder laufen!“

So stoppte ich einige Male. Und lief weiter. Und auch auch so bin ich ans Ziel gekommen. Allerdings mit vielen neuen Gedanken und intensiven Emotionen. Es war in der Tat ein neuer Weg des Laufens. Jedenfalls für mich. Und es ist mir schwergefallen stehenzubleiben. Ich habe mir vorgenommen, solche Läufe zuzulassen. Immer dann, wenn es neue Wege braucht. Oder wie Friedrich Nietzsche es einst auf den Punkt brachte: „Neue Wege entstehen, indem wir sie gehen.“ So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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