Kolumne: So läuft es : Gegen die Kilometersucht der GPS-Junkies

Für viele Läufer ist die GPS-Aufzeichnung der Länge ihrer Strecke das Wichtigste. Warum ist die Sehnsucht nach Anerkennung so groß?

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Viele Läufer sind nur noch mit GPS-Uhr unterwegs.
Viele Läufer sind nur noch mit GPS-Uhr unterwegs.Foto: dpa

„Ich bin heute zwölf Kilometer gelaufen, ich 15, ich 23. Ich muss unbedingt 100 Kilometer schaffen, 50 schafft jeder.“ Egal wohin man hört, egal in welche Ecke der sozialen Netzwerke man sieht, egal welchem Gespräch man beim Lauftreff zuhört: Längst hat die größte Challenge der Welt begonnen. Die GPS-Junkies sind der Kilometersucht verfallen. Hauptsache, man hat eine teure Uhr mit GPS-Funktion. Was multifunktionale Profiuhren sonst noch können, das ist dem GPS-Junkie egal. Wichtig ist die Aufzeichnung der Länge der Strecke, und die Uhr muss suggerieren: Ich kann weiter, ich kann mehr, ich bin die Königin oder der König von GPS-Hausen. Das Herz wird nach oben geballert, geschunden und gequält – Hauptsache, man kommt maximal auf Kilometer, in maximal schneller Zeit.

Liebe GPS-Junkies: Macht nur! Macht einfach so weiter. Genau so. Habt für die nächsten drei oder vier Jahre richtig viel Spaß. Gebt alles. Ballert was das Zeug hält, lauft Euch Knochen, Bänder, Herzen kaputt. Und zeichnet alle Daten auf. In naher Zukunft schieben wir Euch im Rollstuhl, begleiten Euch auf Krücken. Gerne schalte ich an dieser Stelle die Polemik ein wenig aus. Um die ernsthafte Frage zu stellen: Wo sind eigentlich die, die aus dem wichtigsten Grund der Welt laufen: Um für sich selbst etwas zu tun? Wo sind die Für-sich-selbst-Läufer? Wenn schon Junkie, dann doch eher der Hunger nach Gesundheit. Die Lust nach Optimierung. Gerne auch nach Selbstoptimierung.

Aber hier steckt es schon im Wort. Warum optimieren sich nicht viele selbst, warum optimieren sie sich, um für andere glänzender, sportlicher, härter, besser zu wirken? Wird die Sehnsucht nach Anerkennung und Wertschätzung immer dringender? Ist es nicht deutlich nachhaltiger, sich selbst zu schätzen? Etwas dafür zu tun, um sich selbst ein Stück mehr zu mögen? Wenn es dann weit sein muss, gut. Wenn es dann hart sein muss, geschenkt. Wenn es dann der Lauf rund um die Erde sein muss, dann mal los. Steve Jobs hat einmal gesagt: „Ihre Zeit ist begrenzt, also verschwenden Sie sie nicht damit, das Leben anderer zu leben. Lassen Sie nicht zu, dass die Meinungen anderer Ihre innere Stimme ersticken. Am wichtigsten ist es, dass Sie den Mut haben, Ihrem Herzen und Ihrer Intuition zu folgen. Alles andere ist nebensächlich.“ So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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