Kolumne: So läuft es : Laufen für die Verletzten

Tolle Marathons, knackige Volksläufe und das bei bestem Wetter: Bei allem Läuferglück sollte man aber die Verletzten nicht vergessen, mahnt unser Kolumnist.

Jogger auf dem Tempelhofer Feld in Berlin.
Jogger auf dem Tempelhofer Feld in Berlin.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Wir Läufer sind ja gerade in dieser Jahreszeit so was von im Saft, Mann, was sind wir im Saft. Unsere Zeit ist jetzt! Jetzt! Und nur jetzt! Jetzt finden die tollsten Marathons statt, jetzt sind die besten, knackigen Volksläufe, jetzt sind Ultramarathons. Läuferknie, was willst Du mehr?

In den sozialen Netzwerken werden Gewinner-Fotos gepostet, so dass das Internet fast kaputt geht. Siegerposen, Jubel, Trubel, Läuferglück. Und wissen Sie was? Ich gehörte auch dazu. Grundsätzlich ist nichts dagegen zu sagen. Wer seine Ziele erreicht, darf stolz auf sich sein. Klare Jacke.

Wer als Läufer immer und immer gesund bleibt, der ist gesegnet. Mir wird das immer mehr bewusst. Seit fünfeinhalb Jahren laufe ich jeden Tag. Jeden. Und ich bin nicht immer gut zu meinem Körper. Wie jeder Läufer ignoriere auch ich ab und an die Signale, die er sendet. Dabei habe ich in der Tat ein schlechtes Gewissen. Denn es gibt sie. Die Berichte und die Posts all derer, die gerade nicht laufen können. Die Geschichten der Verletzten. Wie die der Extremläuferin Maty Dudek. Sie erlitt vor kurzer Zeit einen zweiten Schlaganfall, bedingt durch einen seltenen Tumor am Herzen. Dieser musste entfernt werden.

Den ersten Schlag hatte sie gar nicht bemerkt. Innerhalb von wenigen Stunden hatte sich Matys Leben verändert. Sie schreibt in ihrem Blog: „Nie zuvor hatte ich die dunkle, stinkende Masse dieser puren Sterbensangst in der Magengegend, die sich jetzt langsam und stetig ausbreitete: Ich dachte eigentlich permanent an meinen kleinen Sohn, den ich aufwachsen sehen will, den ich unterstützen, bekräftigen, begleiten möchte. Dieser kleine, fantastische Junge war meine Ziellinie, die ich nicht aus den Augen verlieren wollte. Und auch wenn dies der längste Lauf meines Lebens werden sollte, gab es für mich zu keinem Zeitpunkt die Option, diese Ziellinie nicht zu überschreiten.“

Hinter jeder Ecke lauert ein Unfall

Fühlst Du Dich betrogen vom Leben? fragte mich jemand neulich. Ich musste nicht lange überlegen: Nein, die Frage sollte doch lauten: Warum sollte es mich nicht getroffen haben? Warum nehmen wir uns immer das Privileg heraus, auf andere schlimme Schicksale betroffen zu blicken, fest glaubend, dass wir bei dieser ganzen Sache, welche unser Leben ist, halbwegs heil herauskommen?

Es kann uns immer treffen. Hinter jeder Ecke lauert ein Unfall, eine Krankheit, ein Trauerfall. Das gehört zum Leben ebenso wie die Glücksmomente, nur blenden wir das meist aus.

Norbert Hensen ist Geschäftsführer von „laufen.de“ und ein Läufer, der sehr achtsam mit sich umgeht. Und nie den Blick für die Zerbrechlichkeit des Körpers verliert. Er schreibt bei Facebook: „Wie der Herr, so’s G’scherr - ich fand den Spruch schon immer doof. Aber es scheint was dran zu sein. Vor zehn Tagen hat Hund Lola sich was in die Pfote getreten, immer noch entzündet. Vorgestern wurde mein Knie dick. Nicht nach dem Laufen!! Habe meinem Sohn einen Start aus dem Startblock vorgeführt, früher ging das mal ganz gut...Immerhin: erster Verdacht auf Meniskus-Einriss hat sich heute im MRT nicht bestätigt. Nur eine Falte im Kniegelenk eingerissen. Das wird wieder.“

Ich habe mir etwas vorgenommen. Die ersten fünf Minuten eines jeden meiner täglichen Läufe gehören ab sofort den Verletzten. Wir dürfen sie nicht vergessen, wir – die gesunden Läufer – müssen diejenigen unterstützen, die nicht laufen können. Aus welchem Grund auch immer. Jubeln kann jeder, Schmerzen teilen aber hilft! So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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