Kolumne: So läuft es : Mehr Respekt auf der Straße!

Auf der Straße gibt es zu viel Hass: Zwischen Läufern und Radfahrern auf der einen Seite - und Autofahrern auf der anderen. Das muss aufhören.

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Läufer und Autofahrer begegnen sich nicht immer friedlich.
Läufer und Autofahrer begegnen sich nicht immer friedlich.Foto: Imago

Meine letzte Kolumne über den Tod der jungen Triathletin Julia Viellehner hat bei mir selbst viele Fragen aufgeworfen. Warum hat ausgerechnet ihr Tod bei vielen Menschen, Läufern, Triathleten, Radfahrern, Sportlern so viel Mitgefühl ausgelöst? Warum und vor allen Dingen was hat viele so sehr getroffen? Gibt es vielleicht einen Grund, der viel tiefer sitzt?

Seit Jahren kenne ich Carina Kontio. Sie ist Kollegin des Handelsblatts und sie ist lange gelaufen. Bis es ihr zu langweilig wurde. Der Trend geht mehr und mehr zum Triathlon, gerade bei Läufern die alles gelaufen sind, was man so laufen kann. „Triathlon ist der neue Porsche 911. Gerade Männer können teilweise noch gar nicht richtig auf dem Rad sitzen, haben aber schon ein Carbon-Fahrrad für 8000 Euro. Männer ab Anfang 40, die lange gelaufen sind, die eine neue Herausforderung suchen, geben hier irre viel Geld aus“, sagt Carina in einem langen Gespräch.

Ich fühle mich etwas in meiner Midlife Crisis ertappt. Auch ohne Hang zum Triathlon. „Dieser Sport ist ein Kampf. Schon im Wasser ist das total krass. Da ist wirklich ein Hauen und ein Stechen, ein Gezerre, manchmal richtig heftig“, sagt Carina. „Beim Radfahren ist es nicht ganz so. Im Windschatten zu fahren ist verboten, aber der Kick gegeneinander zu fahren, ist enorm. Bei mir hat es irgendwann Klick gemacht. Der Kampf, die Vielseitigkeit, das ist mit dem Laufen nicht zu vergleichen.“

Es geht um die Freiheit der Athleten

Ich sehe in leuchtende Augen. Triathlon, der Kampf mit sich selbst und gegen andere, das ist also die Magie dieses Trends, dem auch Justizminister Heiko Maas verfallen ist. Diesen Kampf liebte auch Julia Viellehner. Den Kampf gegen den Tod hat sie leider verloren. Ein Lkw fuhr sie bei einer Trainingsfahrt auf dem Rad an. Warum aber hat ihr Tod viele so berührt? Weil es eine junge Frau ist? Weil sie während des Sports starb? Den wahren Grund kennt sicher nur eine von ihnen.

„Auf dem Rad werden wir bepöbelt, bedroht, beleidigt. Wir werden nicht als Menschen wahrgenommen, sondern nur als Radfahrer, die stören. Autos schneiden uns, drängen uns weg. Es geht um Macht, viele Autofahrer hassen uns. Für sie ist es ein Krieg. Wenn meine Frau und ich aufs Rad steigen wissen wir nie, ob wir beide wieder heil heimkehren. Wir müssen weiterfahren. Denn es geht hier um persönliche Freiheit. Im öffentlichen Raum möchte ich nur ein wenig Freiheit, meinen Sport zu machen. Darum geht uns Triathleten. Vielen Autofahrern geht es um etwas ganz anderes. Etwas, das oft an eine Straftat erinnert“, sagt Carina Kontio.

Julia Viellehner ist also etwas geschehen, was täglich vielen Triathleten auf dem Fahrrad passiert. In Julias Fall endete die Respektlosigkeit eventuell tödlich. Der Unfallhergang ist weiter unklar. Und man sollte darüber nicht spekulieren. Die Betroffenheit derer, die sich mit dem Hass auf der Straße auskennen, hat jedoch eine klare unausgesprochene Forderung inne: Habt Respekt. Vor dem Sport. Und den Menschen. Und lasst uns die Freiheit, bitte. Wir fahren weiter. So läuft es.

Mike Kleiß leitet eine Kommunikations- und Markenagentur in Köln und schreibt hier an jedem Donnerstag übers Laufen.

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