Kolumne Steilpass : Schuss mit lustig!

Liebe Fußballklubs, überlasst die Selbstironie den Fans! Alles andere nehmen wir euch sowieso nicht ab, findet unser Kolumnist.

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Dschungelcamp-Bewohnerin Kader Loth war Inhalt eines Tweets von RWO.
Dschungelcamp-Bewohnerin Kader Loth war Inhalt eines Tweets von RWO.Foto: dpa

Bill Shankly ist jetzt auch schon seit mehr als 35 Jahren tot. Zu seinen Lebzeiten gab es also weder Twitter noch Hertha-TV, Shankly hätte folglich auch mit der digitalen Transformation wenig anzufangen gewusst. Zum Glück. Andernfalls hätte es einen der zu Recht berühmtesten Sprüche der Fußballgeschichte vielleicht nie gegeben. Shankly, der legendäre Trainer des FC Liverpool, hat sich mit der Wendung verewigt: „Es gibt Leute, die denken, Fußball sei eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann Ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“

Ach, wäre der Fußball doch noch eine Frage um Leben und Tod! Heute ist nichts mehr ernst und heilig, es geht nur noch um billige Gags. Es gibt tatsächlich Leute, die denken, Fußball sei eine lustige Sache – und ganz viele dieser Leute arbeiten offenbar in den Social-Media-Abteilungen der Vereine.

Ich habe nichts gegen Selbstironie. Im Gegenteil! Selbstironie ist gerade im Fußball ein wichtiges Stilmittel. Nur mit Selbstironie ist es Myriaden von Fußballfans überhaupt möglich, das allwöchentliche Versagen ihrer Klubs irgendwie zu ertragen. Aber wenn Rot-Weiß Oberhausen (wer war noch mal Rot-Weiß Oberhausen?) per Twitter Kader Loth (wer war noch mal Kader Loth?) verspottet, weiß man gar nicht, wen man mehr bedauern soll.

Selbstironie als Stilmittel sollte den Fans vorbehalten bleiben. Von den Vereinen hingegen erwarte ich echte Zerknirschung statt witziger Tweets und zwangs-ulkiger Gifs. Alles andere nehme ich ihnen ohnehin nicht ab. Die Bundesligaklubs (also nicht Rot-Weiß Oberhausen) sind inzwischen mittelständische Unternehmen mit dreistelligen Millionenumsätzen. Ihre vermeintlich distanzierte Haltung zu sich selbst verschleiert nur, dass es ihnen im Zweifel nur um noch mehr Kohle geht.

Ein Kollege hat vor Kurzem über den Bayern-Reporter einer Münchner Zeitung berichtet, der auf seinem privaten Twitter-Account gerne mal die Bayern verspottet hat. Der Klub hat daraufhin bei dessen Arbeitgeber offiziell etwas mehr Zurückhaltung angemahnt, sonst … Das ist wenigstens ehrlich.

Die Kolumne Steilpass erscheint im gedruckten Tagesspiegel auf der Seite 11Freunde freitags.

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