Kombinationsgold : Einfach Wahnsinn

Maria Riesch hat das erste Gold für die deutschen Alpinen seit 1998 gewonnen. Entsprechend groß ist jetzt schon der Rummel um ihre Person. Dabei muss die 25-Jährige ihren Erfolg selbst erst einmal realisieren.

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Vancouver 2010 - Ski alpin
Im Blitzlichtgewitter: Olympiasiegerin Maria Riesch.Foto: dpa

Vielleicht hat sie ihre neue Rolle zum ersten Mal auf dem Weg zur Pressekonferenz verstanden. Als der Weg immer enger wurde, links ein Netz den Weg versperrte, rechts eine eiserne Barriere. „Jetzt geht’s halt weiter“, herrschte Maria Riesch die vor ihr gehenden Helfer an, dann aber ergab sie sich bereitwillig ihren neuen Pflichten. Langsam kämpfte sich durch das Spalier der Fans. Hier kritzelte sie ein Autogramm auf einen Skianorak, dort schrieb sie einem Jungen ihren Namen auf die deutsche Fahne, am Ende beugte sie sich für ein Foto mit zwei blonden Mädchen nach unten. „Danke scheijn“, sagte der kanadische Vater. Er hatte versucht, Deutsch zu sprechen, weil er gerade fürs Familienalbum ein Foto mit einer leibhaftigen Olympiasiegerin erhalten hatte. 

„Olympiasiegerin, wie sich das anhört, einfach Wahnsinn“, sagte die 25 Jahre alte Maria Riesch sechs Stunden später im Deutschen Haus von Whistler. „Viele haben das Zeug dazu, aber das auch am Tag X abzurufen, das schaffen nicht viele.“ Sie hat es bereits bei ihren ersten olympischen Spielen im zweiten Rennen geschafft. Als 13-Jährige hatte sie im Fernsehen die Olympischen Winterspiele von Nagano gesehen, als Hilde Gerg und Katja Seizinger zuletzt drei olympische Goldmedaillen für den Deutschen Skiverband geholt haben. „Ich kann mich erinnern, dass damals das Podium voll war mit den schwarzweißen Zebra-Anzügen der Deutschen“, sagte sie, „aber das selber zu schaffen, war sehr weit weg.“ 

Nach der Spezial-Abfahrt noch sehr enttäuscht

Tatsächlich schien die Goldmedaille selbst  einen Tag vor der Superkombination noch weit entfernt. Mit Platz acht in der Olympia-Abfahrt hatte sie die eigenen Erwartungen und die ihrer Trainer enttäuscht. Das hat ihr Bundestrainer Mathias Berthold auch deutlich gesagt (siehe Interview). „Einerseits verletzt es einen schon, wenn der Trainer mit dem  Holzhammer hinterher noch draufhaut, wenn man am Boden ist“, sagte sie, „andererseits  ist das auch Ansporn und Motivation.“ Es kam ihr entgegen, dass in der Kombinationsabfahrt der obere Streckenabschnitt, auf dem sie am Vortag so viel Zeit verloren hatte, nicht mehr vorgesehen war. Im Slalom schließlich genügte ihr die siebtbeste Zeit. „Ich habe gewusst, dass der Slalom nicht allzu schwierig ist“, sagte sie, „ich habe im Slalom schon attackiert, aber nicht auf dem allerletzten Zacken.“ 

So richtig konnte die 25 Jahre alte Sportsoldatin aber nicht erklären, warum sie nur einen Tag nach ihrem Rückschlag wie ausgewechselt fuhr. „Heute war ich schon beim Aufstehen positiver gestimmt“, sagte sie, „ich hatte viel mehr Selbstbewusstsein, warum weiß ich auch nicht.“ 

Am Ende lag sie 94 Hundertstelsekunden vor der US-Amerikanerin Julia Mancuso und 1,05 Sekunden vor Anja Pärson. Die schwedische Bronzemedaillengewinnerin war am Vortag bei der Abfahrt schwer gestürzt war. „Ich habe mich erst fünf Minuten vor dem Start entschieden zu fahren“, sagte Anja Pärson. Schmerzen gehören zu Skifahren, findet sie: „Über 50 Prozent der Fahrerinnen hat mit Verletzungsproblemen zu kämpfen, das ist etwas was man akzeptieren muss.“

"Habe immer bewiesen, dass ich eine Kämpferin bin"

Auch Maria Riesch kennt das. So verpasste sie nach zwei Kreuzbandrissen die Olympischen Spiele von Turin. „Das war bitter, wegen dieser blöden Verletzung musste man wieder vier Jahre warten“, sagte sie, „es gibt immer wieder Tiefschläge, an denen die Zweifel groß sind.“ Doch ihr Kampfgeist ist es, der Maria Riesch neben ihrem Talent am meisten auszeichnet. „Ich habe immer wieder bewiesen, dass ich eine Kämpferin bin“, sagte sie, „es zahlt sich aus, wenn man dranbleibt.“ Auch bei der Weltmeisterschaft in Val d’ Isere 2009 enttäuschte sie zunächst – und gewann am Ende im allerletzten Wettbewerb die Slalom-Goldmedaille. „Da war ebenfalls die innere Ruhe und Gelassenheit da“, wunderte sich Maria Riesch. 

Als eine der ersten Gratulantinnen rutschte Freundin und Rivalin Lindsey Vonn entgegen. Die US-Amerikanerin war als Führende nach der Abfahrt im Slalom ausgeschieden. „Es ist schön, die Freundin oben stehen zu sehen, auch wenn man gerne mit dort gestanden wäre“, sagte Lindsey Vonn, „Maria hat viel Druck von ihrem Land, sie hat es verdient.“ Das Duell zwischen den beiden bei diesen Olympischen Spielen ist gerade erst eröffnet, jede der beiden überragenden Skifahrerinnen in diesem Winter hat eine Goldmedaille gewonnen. Ihre Freundschaft muss allerdings zurzeit ruhen. „Wir haben bei Olympia nicht so viel miteinander zu tun“, sagte Maria Riesch, „es geht aber auch um viel für uns beide.“ Drei Rennen stehen noch aus, zunächst am Samstag der Super G an, anschließend folgen Riesenslalom und Slalom. „Meine Erleichterung ist groß“, sagte Maria Riesch, „alles was jetzt kommt, ist die Zugabe.“

Nach einem langen, aber erfolgreichen Arbeitstag verließ Maria Riesch schließlich kurz vor 24 Uhr das Deutsche Haus. Bevor sie in die Kälte ging, schielte sie noch einmal auf einen Monitor. Und sah sich selber ein Interview geben. Auch das zählt zu den Pflichten einer Olympiasiegerin.

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