Sport : Komischer Traum

Miriam Welte und Kristina Vogel holen Olympiagold im BAHNRAD-TEAMSPRINT, weil ihre Gegnerinnen in Halbfinale und Finale disqualifiziert werden – das Männerteam holt Bronze.

Jürgen Löhle[London]
Da dachten sie noch an Silber. Miriam Welte und Kristina Vogel jubeln nach der Zielankunft, später freuten sie sich im Innenraum nochmal – über Gold. Foto: dapd
Da dachten sie noch an Silber. Miriam Welte und Kristina Vogel jubeln nach der Zielankunft, später freuten sie sich im Innenraum...Foto: dapd

Ein letzter Blick, ob die Schuhe fest mit den Pedalen verbunden sind, ein lautes „Come on“ zu sich selbst. Miriam Welte und Kristina Vogel waren bereit. Die Weltmeisterinnen im Teamsprint warteten auf den Startschuss für das olympische Finale, auf der anderen Seite konzentrierten sich die Chinesinnen Jinjie Gong und Shung Guo. Zwei Runden Teamsprint lagen vor ihnen, 500 Meter mit äußerster Kraft und in totaler Sauerstoffschuld. Am Ende waren die beiden Polizistinnen zwar mit einem Schnitt von 54,88 Stundenkilometer schneller als ihr Dienstherr in der Stadt erlaubt, aber gut zwei Zehntel langsamer als die Chinesinnen. Bis der Hallensprecher trocken verkündete: „Gold for Germany“. Miriam Welte schüttelte erst ungläubig den Kopf, dann riss sie die Arme in die Höhe, ihre Kollegin brauchte noch ein paar Sekunden. Tatsächlich – China war wegen eines Wechselfehlers disqualifiziert worden.

Dieser Olympiasieg war der kurioseste der Spiele bisher. Dass die deutschen Weltmeisterinnen am Donnerstag überhaupt um Gold radeln durften, verdanken sie nämlich auch einer Disqualifikation. Und die traf vor 6000 Zuschauern im vollbesetzten Velodrom ausgerechnet Großbritannien. Was für ein Schock. Vicky Pendelton, seit Monaten das britische Covergirl, und ihrer Partnerin Jessica Varnish unterlief ein simpler Fehler. Starterin Varnish blieb einen Moment zu lange in der Führung, die sie aber nach der ersten Runde abgeben muss. Vier Jahre Training und ein Jahr Mediengetöse endeten mit einer Juryentscheidung. Pendelton stand da und weinte, die Fans waren geschockt, dann gab es Buhrufe und Prinz William hörte auf, mit seinem Handy Fotos zu machen. Solche Fehler passieren nicht oft und dass den Chinesinnen im Finale exakt dasselbe passierte, war kaum zu glauben.

Guo/Gong konnten sich aber bei der Siegerehrung schon wieder über Silber freuen. Den Britinnen blieb Rang acht. Und als das Duo aus Kaiserslautern und Erfurt ihre Medaillen umgehängt bekamen, schauten sie fast ein wenig ungläubig. „Ein Traum ist wahr geworden, es fühlt sich wegen der Wechselfehler zwar noch ein bisschen komisch an, aber für die können wir ja nichts“, sagte Welte.

Für die deutschen Männer begann der Tag dagegen schlecht. Stefan Nimke musste wegen einer Lendenwirbelzerrung absagen. Der 34-Jährige aus Schwerin war der Schlussmann, also der Wichtigste. Und er war mit seiner Erfahrung von drei Olympiateilnahmen und vier Medaillen kaum zu ersetzen. Dass überhaupt ein deutsches Team antrat, lag an Robert Förstemann, der vom BDR für Olympia nur nominiert werden konnte, weil noch ein Platz bei den Mountainbikern frei war, aber kein passender Athlet zu finden war.

250 Meter mit Tempo 62 im Schnitt. Wenn Bahnsprinter zum Beschleunigen in die Pedale treten werden bei den Männern kurzzeitig über 1800 Watt frei – damit könnte man eine ganze Wohnung beleuchten. Und im Teamsprint ist es noch härter, vor allem für den Anfahrer, der aus dem Stand drückt, als gäbe es kein Morgen. Nach einer Runde ist der Job des Einpeitschers getan, dann spielt der zweite Mann die Lok und die letzten 250 Meter ist der Stärkste allein. Ein aufs feinste eingespielter Schnellzug mit Zentimeterabständen zwischen den Waggons.

Das Team der Briten kann das, schon in der Qualifikation fuhren sie Weltrekord und in der zweiten Runde gleich noch einmal. Jason Kenny und Chris Hoy haben das schon bei ihrem Sieg in Peking bewiesen, neu beim britischen Prestigezug war Philip Hindes. Aber der Star ist und bleibt Sir Hoy, der jetzt schon fünf Gold und eine Silbermedaille gewonnen hat. Als der britische Fahnenträger im Velodrom vorgestellt wurde, konnte man den Jubel wahrscheinlich auch noch im Olympischen Dorf hören. Und die Favoriten schlugen Frankreich im Finale – natürlich mit Weltrekord. Großbritannien war mit dem Radsport wieder versöhnt. Und auch das deutsche Reserveteam war zufrieden. Platz drei gegen die Australier, das war unter diesen Umständen ehrenwert. Und das auch noch ohne jede Disqualifikation.

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