Sport : Komitee für schönes Spiel

Die Phoenix Suns begeistern in der NBA mit offensivem Basketball – erfolgreich sind vorerst die anderen

Sebastian Moll[New York]

Stu Jackson hatte bereits frohlockt: „So wie jetzt Basketball gespielt wird, so haben wir uns das vorgestellt“, sagte der Vizepräsident der NBA nach der turbulenten und kurzweiligen Viertelfinal-Serie der Phoenix Suns gegen die Dallas Mavericks. Doch nach dem Ausscheiden der Suns in Spiel fünf des Western-Conference-Finales gegen San Antonio ist der Euphorie bei den NBA-Verantwortlichen Ernüchterung gefolgt.

Das neue, schnelle und korbreiche Basketball, das die Suns verkörpern, reicht offenbar nur bis ins Halbfinale. Den Titel machen immer noch Mannschaften mit einer konventionelleren Spielweise unter sich aus. Nun geht es um die Frage, ob sich das risikofreudige Spiel im amerikanischen Basketball durchsetzen wird.

Dabei hatte die NBA so viel getan, um das attraktive „Run and Gun“, das die Suns verkörpern, zu fördern. Um zu unterstreichen, dass das Basketball aus Arizona dasjenige ist, das die Liga sich wünscht, wurde zu Beginn der Play-offs nicht nur Steve Nash zum wertvollsten Spieler der Liga gekürt, sondern auch Suns-Trainer Mike D’Antoni zum Coach des Jahres. Nash und D’Antoni waren die Musterschüler von Jackson und Commissioner David Stern, die seit vier Jahren durch Reformen versuchen, den Zuschauern ein offensiveres und attraktiveres Basketball zu bieten.

Die Kampagne zur Beschleunigung des Spiels hatte 2001 begonnen, als die Regel gegen die illegale Defensive aufgehoben wurde. Die Regel hatte im Prinzip die Manndeckung festgeschrieben. Nicht selten standen acht Spieler herum, während ein Angreifer versuchte, seinen Verteidiger niederzuringen. Das fand nicht zuletzt Jerry Colangelo langweilig, der Geschäftsführer der Suns, der deshalb die Bildung eines Komitees anregte, um das Spiel interessanter zu machen: „So ist Basketball nicht gedacht“, sagte damals Colangelo.

Zusätzlich zur Auflockerung der Verteidigung verkürzte das Komitee die Frist, in der eine angreifende Mannschaft aus ihrer Hälfte herauskommen muss, von zehn auf acht Sekunden. Und zuletzt wurden die Schiedsrichter dazu angehalten, den Defensivspielern genauer auf die Finger zu schauen. Das alles führte dazu, dass das Spiel offener und flüssiger wurde. „Die neuen Regeln haben den Spielern viel mehr Bewegungsfreiheit verschafft“, sagt Dwayne Casey, Assistenztrainer bei den Seattle SuperSonics. „Es ist extrem schwer geworden zu verteidigen.“ Die Spielweise in der NBA veränderte sich freilich nicht über Nacht. Beinahe vier Jahre brauchten die Trainer und Spieler, um sich anzupassen. Einige taten das schneller, andere weniger schnell. Zu den reformfreudigeren Mannschaften gehörten die Suns, die Dallas Mavericks und Seattle. San Antonio und Detroit waren hingegen konservativer. Sie sind zwar auch offensiver geworden, haben aber nicht ihre defensiv orientierte Spielphilosophie aufgegeben.

Die Suns hingegen kümmerten sich über weite Strecken kaum um ihre Defensive. „Wir müssen als offensive Mannschaft nicht so gut verteidigen wie andere“, sagte Coach D’Antoni noch selbstgewiss nach der gewonnenen Serie gegen Dallas. „Unsere starke Offensive erlaubt es uns, defensiv Mist zu bauen.“ Und bis zur Serie gegen San Antonio sah es so aus, als würde D’Antoni Recht behalten. Doch San Antonio hat die Suns eines Besseren belehrt: ohne Defensive keine Meisterschaft.

Trotzdem will D’Antoni seine Spielweise nicht prinzipiell in Frage stellen. „Das hat nichts mit unserem System zu tun“, sagte er zur Play-off-Niederlage gegen die Texaner. Immerhin räumte er nach der Schlappe gegen San Antonio ein, dass auch eine offensive Mannschaft wie seine in Zukunft wohl nicht ganz ohne Defensive auskommt: „Wir müssen nicht anders spielen, nur besser verteidigen. Gebt uns drei, vier Jahre, um uns zu finden“, bittet er. Bis dahin will D’Antoni die Suns zu einer neuen Supermannschaft geformt haben, eine, die jeden Gegner mit Tempo überrumpelt und trotzdem solide abwehrt. Vorerst machen aber andere Mannschaften den Titel unter sich aus. Dass sie weniger unterhaltsam sind als die Suns, stört dabei höchstens die Kommissare und Marketing-Strategen der NBA – den Fans in Miami, Detroit und San Antonio reicht es, dass ihre Teams gewinnen.

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