Sport : Komm her, Huub!

Chronik eines Jubels – als Trainer Stevens weinte

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Huub Stevens hat sie in 16 Monaten nie gezeigt. Nicht einmal. Doch dann haben ihn die Gefühle überrollt. „Es ist einfach passiert“, sagt Stevens.

Stadtteil Hansaviertel, Ostseestadion Rostock. Samstagnachmittag. Das Bundesligaspiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC ist abgepfiffen. Endstand 1:0, für Hertha. Der erste Saisonsieg. Vor der Trainerbank steht Stevens, er wird umarmt. Von seinem Assistenten Holger Gehrke, von Manager Dieter Hoeneß, von Torwarttrainer Nello di Martino. Sie hüpfen, sie schreien, sie lachen. Wie Kinder. „Das war ein Freudentanz“, sagt Stevens. Er muss dabei lächeln, denn so einen Freudentanz hat er selbst noch nicht erlebt. Er stand mittendrin, alle waren fröhlich.

Und Huub Stevens weinte.

Die Szenen, die sich nach dem Abpfiff auf dem Rostocker Rasen abspielten, waren absurd. So unnormal. So extrem. Da standen 18 Spieler auf dem Rasen, die Betreuer, und jeder nahm Stevens in den Arm. Komm her, Trainer! Niko Kovac etwa, den Stevens so lange ignoriert hatte, schnappte sich seinen Chef, legte sein Kinn auf dessen rechte Schulter und schrie. Dabei krallte er seine beiden Hände so fest in die Jacke des Trainers, dass die ganz zerknautscht war. Es war mehr als eine Umarmung. Viel härter. Kovac’ Adern auf dem Arm waren deutlich zu sehen. Als er die Kabine betrat, schrie er laut auf. Jaaaa!

„Wir haben uns zum Sieg gequält“, sagt Herthas Stürmer Fredi Bobic einen Tag später. Ob er Trainer Stevens weinen gesehen habe? Ja, habe er. Er kenne Stevens nicht gut genug, aber empfand die Szene als „unheimlich ergreifend“. Da habe jeder gesehen, wir groß der Druck wirklich war und dass Stevens viele seiner Gefühle bisher versteckt hat. Bobic sagt: „Er ist kein Roboter.“

Am Sonnabend im Ostseestadion Rostock schallte es „Hertha, Hertha!“ aus dem Fanblock. Manager Dieter Hoeneß sagt, dass er damit nicht gerechnet habe. Zuletzt hieß es immer „Stevens raus!“ Der Trainer hat diese Worte nicht vergessen. Als die Spieler vor den Fans tanzen, geht Stevens in die Kabine. Wortlos.

Auf der Pressekonferenz sind ihm die Tränen nicht mehr anzusehen. „Es ging nicht um mich – nur um Hertha“, sagt Stevens. Dann nimmt ihn Manager Hoeneß zur Seite, sie reden. Hoeneß lächelt. Stevens nicht. AG

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