Kommando zurück : Deutschlands Abwehr ist kaum zu knacken

Die deutsche Mannschaft überzeugt bisher nur mit ihrer Abwehrarbeit. Kompromisslos halten vor allem Annike Krahn und Babett Peter die Gegnerinnen auf Abstand zum eigenen Tor.

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Ihr Spiel ist der Kampf. Babett Peter ist nur abseits des Platzes introvertiert. Foto: dpa
Ihr Spiel ist der Kampf. Babett Peter ist nur abseits des Platzes introvertiert.Foto: dpa

Das kleine Spielchen Fünf-gegen-fünf sollte den Spaß zurückbringen. Hohes Tempo, viele Torschüsse, viele Erfolgserlebnisse, so hatten es Silvia Neid und ihre Trainerstab geplant. Doch auch in der lockeren Trainingseinheit am Sonnabend wollte der deutschen Nationalmannschaft in der Vorwärtsbewegung kaum etwas gelingen, die rund 2000 Zuschauer im Düsseldorfer Vorort Meerbusch bekamen nur wenige Treffer zu sehen. Bis jetzt sind es bei dieser Heim-WM eben die deutschen Verteidigerinnen, die ihre offensiven Kolleginnen in den Schatten stellen. Auch im letzten Gruppenspiel am Dienstag gegen Frankreich (20.45 Uhr, live im ZDF), will die Bundestrainerin derselben Viererkette vertrauen, die in den bisherigen beiden Turnierspielen nur einen Gegentreffer – einen unhaltbaren Freistoß der Kanadierin Christine Sinclair – zugelassen hat.

„Wir sind mit der Defensivleistung sehr zufrieden“, sagt die deutsche Assistenztrainerin Ulrike Ballweg. „Das Spiel gegen Nigeria war eine klare Steigerung.“ Dass die deutsche Mannschaft bisher nur wenige Chancen zulässt, hat auch mit den beiden lauf- und zweikampfstarken defensiven Mittelfeldspielerinnen Simone Laudehr und Kim Kulig zu tun. Im überharten Spiel gegen Nigeria waren es aber vor allen Dingen die vier Abwehrspielerinnen Linda Bresonik, Annike Krahn, Saskia Bartusiak und Babett Peter, die sich nicht von der Hektik anstecken ließen.

Die Innenverteidigerinnen Krahn und Bartusiak stehen beide beim 1. FFC Frankfurt unter Vertrag, wirklich eingespielt sind sie deshalb aber nicht. Krahn hat fast die gesamte Bundesliga-Saison mit einem Kreuzbandriss verpasst, gerade rechtzeitig zur Weltmeisterschaft ist sie wieder fit geworden. Trotzdem hatte Silvia Neid nie Bedenken, Krahn wie schon bei der WM 2007 in die Innenverteidigung zu stellen. Krahn sei „ein Wettkampftyp“, hat die Bundestrainerin über die 26-Jährige gesagt. Das zeigte die 68-malige Nationalspielerin gegen Nigeria, als sie ihre Mitspielerinnen immer wieder laut brüllend anfeuerte und sich in jeden Zweikampf warf. „Ich liebe das Zweikampfspiel, das ist genau mein Ding“, sagt Krahn. Eher nicht so ihr Ding ist es, wenn sie den Ball dann erobert hat. Von allen deutschen Spielerinnen ist sie mit Sicherheit die technisch schwächste, ihre Pässe im Spielaufbau haben eine große Streuung. So ausbaufähig ihr Offensivspiel auch ist – ihre defensiven Qualitäten sind unbestritten. Trotzdem war Krahn total perplex, als sie nach der Partie gegen Nigeria zur Spielerin des Tages gewählt wurde. „Ich dachte erst, meine Mitspieler und die Betreuer wollten mich veräppeln“, sagte sie nach der Ehrung, die sie verschämt lächelnd absolviert hatte.

Auch die linke Außenverteidigerin Babett Peter ist abseits des Platzes eher introvertiert, das kann auch daran liegen, dass sie unter einer partiellen Gesichtslähmung leidet, für die sie in der Kindheit manchmal gehänselt wurde. Das hindert die die 23-Jährige von Turbine Potsdam nicht daran, zumindest im Verein äußerst lautstark aufzutreten. In Turbines Dreierkette ist Peter ganz klar die Chefin, in der Viererkette der Nationalmannschaft ist sie eher ruhig. „Hier geben die zwei Innenverteidigerinnen die Kommandos, insofern ist meine Rolle ein bisschen anders“, sagt Peter. Auch sie hat im Spiel nach vorne Schwächen, gegen Kanada gelang ihr aber die präzise Flanke, die Kerstin Garefrekes per Kopf zum 1:0 verwandelte. „Mit dem Aufbauspiel sind wir noch nicht wirklich zufrieden“, sagt Peter. „Wir haben sehr wenig zugelassen, hatten aber den einen oder anderen individuellen Patzer drin, die müssen wir abstellen.“

Peter absolviert gerade ein Studium der Sportwissenschaft, genau wie Krahn und Bartusiak. Die rechte Außenverteidigerin Linda Bresonik hingegen träumt davon, sich nach ihrer Karriere selbständig zu machen, womöglich gar mit einem Hundesalon. Vorher geht es für die 27-Jährige aber noch darum, die Weltmeisterschaft zur Eigenwerbung zu nutzen. Vor dem Turnier hat sie ihren Vertrag mit dem deutschen Spitzenklub FCR Duisburg aufgelöst, jetzt wartet sie auf Angebote. Bresonik dürfte keine Probleme haben, einen neuen Arbeitgeber zu finden: Sie hat bisher nahezu fehlerfrei gespielt. In die Offensive allerdings konnte sie sich noch nicht so häufig wie gewohnt einschalten. Dabei hat die technisch starke Bresonik eigentlich einen großen Drang nach vorne – und ist auch sonst angriffslustig. „Ich hoffe, dass wir die Französinnen auf den Boden der Tatsachen holen können“, hat sie angekündigt. Es könnte allerdings sein, dass Silvia Neid am Dienstag auf Bresonik verzichten muss. Die Außenverteidigerin musste das Training am Sonnabend abbrechen, auch am Sonntag blieb sie im Hotel, um einen Magen-Darm-Virus auskurieren.

Es könnte also sein, dass die Bundestrainerin genau den Mannschaftsteil umbauen muss, der bisher als einziger tadellos funktioniert.

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