Kommentar : Am Rande der Identität

Union und ISP: Das passte nicht zusammen. Robert Ide über das Selbstbild und den ehemaligen Sponsor des 1. FC Union.

Robert Ide

Besser hätte der 1. FC Union kaum in die Saison starten können. Die Fans haben das Stadion An der Alten Försterei mit eigenen Händen modernisiert und damit den Identitätskern des Vereins aufgefrischt. In der Zweiten Liga spielt der Aufsteiger ganz oben mit, und am Mittwoch kommt nach einer Reihe prominenter Mannschaften sogar der FC Bayern München zu Besuch. Die kleine heile Welt in Köpenick ist größer und äußerlich attraktiver geworden – in Ordnung aber ist sie nicht.

Union hat sich am Montag von seinen Hauptsponsor getrennt – einer Firma, die mit dem Wort „windig“ noch zurückhaltend umschrieben ist. Das bis zuletzt unbekannte und angeblich in Dubai eingetragene Unternehmen namens International Sport Promotion (ISP) wollte über fünf Jahre zehn Millionen Euro in den Verein pumpen – woher das Geld wirklich kam, wusste allerdings niemand so genau. Union wusste es offenbar auch nicht. Oder wollte es nicht wissen.

Es passte nicht zusammen: Die Unternehmensgruppe, zu der die ISP gehört, hatte angegeben, im Umweltmanagement und der Rohstofferschließung in Afrika tätig zu sein. Gleichzeitig wollte sie Union Spieler anbieten. Am Schluss kam noch heraus, dass ISP-Aufsichtsratschef Jürgen Czilinsky einst Führungsoffizier bei der Stasi gewesen war. Bei den Fans, deren Wort nach dem eigenhändigen Stadionbau mehr Gewicht hat, kam das alles gar nicht gut an. Sie hatten schon zu DDR-Zeiten das Image der Anderen gepflegt. Wenn früher ein Freistoß gepfiffen wurde An der Alten Försterei, riefen die Unioner: Die Mauer muss weg! Die Spitzel im Stadion konnten nichts dagegen tun. Und nun wollte sich Union von alten Stasi-Mannen und fragwürdigen Geschäftsleuten bezahlen lassen? Kein Wunder, dass der Schlachtruf am Ende hieß: Der Sponsor muss weg!

Immerhin: Die Union-Führung hat in höchster Not Schadensbegrenzung betrieben. Weil sie endlich Fragen stellte, die sie lange ausgeblendet hatte: Woher kommt das Geld? Mit wem haben wir es zu tun? Zuvor war nur auf die Millionen und auf den schnellen Aufstieg geschielt worden – das Grundlegende war dabei aus dem Blick geraten: Wie seriös ist der wichtigste Geschäftspartner überhaupt? Diese Frage ausgeblendet zu haben ist ein bleibender Fehler des Vereins. Egal, ob dies blauäugig oder bewusst geschehen ist – der Identitätskern des Klubs hat Schaden genommen. Schlechter hätte der 1. FC Union kaum in die Saison starten können.

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