Kommentar : Am undeutschen Wesen

Stefan Hermanns über Otto Pfisters Erfolg im afrikanischen Fußball.

Stefan Hermanns

Wie es Otto Pfister mit deutscher Disziplin hält, hat er im Sommer 2006, während der Weltmeisterschaft in seinem Heimatland, vorgeführt. Nach einer Trainingseinheit mit Togos Nationalmannschaft empfing Pfister die Presse zum Gespräch – aber erst einmal machte er es sich gemütlich: Pfister zündete sich eine Zigarette an, ließ sich eine Bratwurst bringen und schickte seinen Assistenten zum Bierholen. Der 70-Jährige entspricht nicht unbedingt dem Bild vom peniblen Deutschen. Aber vielleicht erklärt gerade das seinen Erfolg im afrikanischen Fußball.

In der Theorie ist es ja immer noch ein faszinierend einfaches Denkmodell: Man gebe – Achtung, Klischee! – die verspielten, aber auch etwas chaotischen afrikanischen Fußballer in die Obhut eines disziplinierten deutschen Trainers, füge also zusammen, was nicht zusammengehört, und schon ist der afrikanische Fußball auf Jahre hinaus unschlagbar. Man nehme also Berti Vogts, überantworte ihm ein großes Fußballland wie Nigeria – und heraus kommt das größtmögliche Chaos.

Zufall ist es wohl nicht, dass Vogts beim Afrika-Cup bereits im Viertelfinale ausgeschieden ist, während sein Landsmann Otto Pfister Kamerun ins Endspiel geführt hat. Vogts hat zumindest latent immer den Eindruck erweckt, er wolle Afrika am deutschen Wesen genesen lassen. Pfister hingegen nimmt die Afrikaner, wie sie sind: Er akzeptiert ihre (disziplinarischen) Schwächen, vor allem aber bringt er ihre Stärken zur Geltung. Pfister versteht Afrika – weil er Afrika kennt. Kamerun ist bereits die achte Nationalmannschaft des Kontinents, die er trainiert.

Als Samuel Eto’o, Kameruns Superstar, vor dem Turnier lieber noch zwei Spiele für Barcelona bestreiten wollte, anstatt ins Trainingslager der Nationalmannschaft zu reisen, stimmte Pfister diesem Plan ohne größere Bedenken zu. Man stelle sich nur mal vor, was Berti Vogts in dieser Situation gemacht hätte.

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