Kommentar : Auf in den Zweikampf

Frau gegen Frau und Mann gegen Mann. Am besten, das Publikum sucht sich jeweils eine oder einen aus, der oder dem es seine Sympathien schenkt. Friedhard Teuffel über Duelle und andere Dramen bei der Leichtathletik.

Wenn Berlin jetzt also die Rettungsinsel der Leichtathletik sein soll, wie Klaus Wowereit erklärt hat, dann sind Duelle die dazugehörigen Rettungsringe. Mit ihnen werfen gerade die Funktionäre und Vermarkter um sich, damit sich die Leichtathletik länger über Wasser halten kann. Die Leichtathletik hat sich schließlich zu fest an Rekorde geklammert. Doch was nützen Rekorde, wenn sie so weit weg sind, dass niemand mehr sie erreichen kann? Wird eine Frau über 400 Meter je wieder so schnell laufen wie Marita Koch, 47,60 Sekunden? Wird ein Mann den Diskus je wieder so weit werfen wie Jürgen Schult, 74,08 Meter? Allenfalls wenn die Dopingkontrolleure in einen Streik treten.

Also auf in den Zweikampf. Frau gegen Frau und Mann gegen Mann. Am besten, das Publikum sucht sich jeweils eine oder einen aus, der oder dem es seine Sympathien schenkt. Usain Bolt oder Tyson Gay, Ariane Friedrich oder Blanka Vlasic, Robert Harting oder Gerd Kanter. Das sind auch die Duelle, mit denen die Vermarkter der Weltmeisterschaften werben. Solche Duelle haben in der Tat historische Vorbilder: Jesse Owens gegen Luz Long, Ben Johnson gegen Carl Lewis, Carl Lewis gegen Mike Powell, Heike Drechsler gegen Jackie Joyner-Kersee, Jürgen Hingsen gegen Daley Thompson.

Ein Duell kann eine spannende Angelegenheit sein, in der Personalisierung steckt allerdings auch ein wenig Verzweiflung. Die Aufmerksamkeit für die Leichtathletik ist schließlich so sehr gesunken, dass das Massenpublikum offenbar nur noch wenige Namen kennt und die Funktionäre ihm auch nur noch wenige zumuten wollen. Schade. Denn so wie es interessante Duelle gibt in der Leichtathletik, genauso gibt es spannende Wettkämpfe ohne aufgebauschte Rivalitäten. Das fängt ganz klein an, damit, dass ein Athlet erst einmal auch gegen sich selbst antritt und seine persönliche Bestleistung übertreffen will. Das wird das Ziel von vielen deutschen Athleten sein, die nicht nah genug ans Siegerpodest kommen, weil die Konkurrenz einfach besser ist.

Dann gibt es noch andere dramatische Stoffmuster: Eines davon ist die Lücke im Läuferfeld, durch die ein Außenseiter hindurchschlüpft und gewinnt. Wie Dieter Baumann 1992 in Barcelona. Oder der ständige Wechsel an der Spitze beim Werfen, wenn sich im letzten Versuch noch einmal alles ändert. Ralf Bartels ist so 1996 Europameister im Kugelstoßen geworden. 2100 Athleten starten nun in Berlin, Duellanten werden schon unter ihnen sein, aber am Ende bestimmt auch einige lachende Dritte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar