Kommentar : Baku ist nicht Moskau

Stefan Hermanns glaubt, dass die deutsche Elf reif genug für Russland ist.

Zu den Annehmlichkeiten eines Bundestrainers gehört auch eine rege Reisetätigkeit. Vermutlich ist er berufsbedingt so viel unterwegs, dass er leicht den Überblick über Raum und Zeit verlieren kann. „Russland ist in weiter Ferne im Moment“, hat Joachim Löw nach dem 2:0-Sieg seiner Mannschaft in Aserbaidschan gesagt, in Verkennung aller geografischen Tatsachen. Für deutsche Verhältnisse ist es von Baku nach Russland ein Katzensprung, gerade mal 180 Kilometer sind es bis zur Grenze. Aber natürlich hatte Löw seine Aussage nicht wörtlich gemeint. Er wollte nur zum Ausdruck bringen, dass das Spiel in Moskau in knapp zwei Monaten noch nicht auf seiner gedanklichen Landkarte verzeichnet ist.

Nach dem Auftritt der Nationalmannschaft in Baku kann man diese Haltung für naiv oder gefährlich halten – man kann Löw aber auch recht geben.

Jedes Spiel hat seine eigenen Bedingungen, seine eigene Vorgeschichte, sein eigenes Design. Das in Baku fand unter ganz besonderen Voraussetzungen statt: Die deutschen Spieler reisten quasi aus der Sommervorbereitung zur Nationalmannschaft. Moskau wird, so platt sich das anhört, ein völlig anderes Spiel.

Gegen Aserbaidschan musste die Nationalmannschaft einfach nur gewinnen, egal wie. Das hat sie getan. Und auch wenn das Spiel nicht im Geringsten spektakulär aussah – dass die Deutschen anders als unter Jürgen Klinsmann nicht mehr nur den bedingungslosen Hauruckfußball im Repertoire haben, ist auch ein Ausdruck von Reife.

In Moskau wird diese Reife einer ganz anderen Prüfung unterzogen. In Moskau treffen die Deutschen auf einen taktisch brillanten Gegner mit exzellenten Fußballern. Aber ist die Nationalmannschaft nicht immer dann am stärksten, wenn sie hoffnungslos unterlegen scheint? Schon deshalb wird Joachim Löw, der alte Taktiktüftler, schon in diesen Tagen häufiger an Russland denken, als er zugibt. Nicht mit Angst. Sondern mit großer Lust.

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