Kommentar : Blau statt Grau

Mehr als nur ein Fußballverein? Herthas hat die Chance, Geschichte zu schreiben.

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Es ist noch nicht so lange her, da ließ Hertha BSC im Olympiastadion den Gefangenenchor aus Giuseppe Verdis Oper Nabucco zu einem Fußball-Choral vergewaltigen, beginnend mit der Zeile: „Blau und Weiß, das sind unsere Farben...“ Es war dies Teil einer der vielen Kampagnen mit dem Ziel, das Klub-Image auf internationales Niveau zu bringen. Eine, die sich nicht vertrug mit der allgemeinen Wahrnehmung, in der Hertha keineswegs blau, sondern eher grau daherkam.

Dies- und jenseits der Stadtgrenzen wurde Hertha BSC oft als langweiliges Irgendwas wahrgenommen. Hertha BSC war der anmaßende Versuch, mit Geld und Hauptstadtbonus eine Bedeutung zu erlangen, die diesem neureichen Konstrukt nicht zustand. Doch Anerkennung und Zuneigung lassen sich nicht kaufen, sie erwachsen aus einer Beziehung zum Publikum, die sich am besten mit dem Begriff Schicksalsgemeinschaft definieren lässt.

Hertha hat lange versucht, sich einen Platz im deutschen Fußball-Bewusstsein zu erarbeiten und zu erkaufen. Eine Schicksalsgemeinschaft aber erwächst nicht aus Erfolgen. Bayern München hat die Herzen der Allgemeinheit nicht durch seine ungezählten Siege, Meisterschaften und Pokale gewonnen. Erst der Sekundentod im Champions-League-Finale gegen Manchester United hat die Unfehlbaren befreit vom Makel der Perfektion und ihnen lagerübergreifenden Respekt und Zuneigung eingebracht. Und verdankt nicht auch die Borussia aus Mönchengladbach ihre trotz zuletzt jahrelanger Mittelmäßigkeit ungebrochene Faszination jenem Drama gegen Inter Mailand, in dem ein Dosenwurf einen 7:1-Sieg ins Gegenteil umkehrte?

Schafft Hertha die unglaubliche Wende?

Das prominenteste Beispiel auf der Liste der vom Schicksal geweihten Klubs kommt aus England. Manchester United verlor vor einem halben Jahrhundert beim Flugzeugabsturz von München seine halbe Mannschaft, überlebte dennoch als sportliche Institution und ist seitdem mehr als nur ein Fußballverein.

In diesen Tagen nun könnte Hertha konventionelle Grenzen überwinden. Mit dieser unglaublichen Geschichte, als Fast- Meister abzustürzen zum hoffnungslosen Abstiegskandidaten und der Chance, dieser unglaublichen Geschichte eine noch unglaublicher anmutende Wendung zu geben. Denn trotz aller Rückgriffe auf Murphy’s Law, nach dem schief geht, was schief gehen kann, hat Hertha immer noch eine realistische Chance, das Klassenziel zu erreichen. Auch nach diesem 0:0 gegen Dortmund, das mal wieder eine gefühlte Niederlage war nach Legionen von vergebenen Chancen und einem zu Unrecht aberkannten Tor.

Man könnte nun gehässig anmerken, Herthas immer noch gegebene Erstligaperspektive sei weniger eigener Stärke denn fremder Schwäche geschuldet. Das ist so falsch nicht, aber Mythen gründen nicht auf rationaler Wahrnehmung. Sollte es Hertha tatsächlich schaffen, den seit Wochen scheinbar sicheren Abstieg noch zu verhindern – dann wäre Hertha mehr als nur irgendein Fußballverein. Nicht mehr langweilig grau, sondern strahlend blau.

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