Kommentar : Der Ball liegt still

Robert Ide über das Innehalten des Fußballs.

Robert Ide

Das Leben geht weiter, sagt man, besonders dann, wenn man eigentlich gerade das Gegenteil denkt oder fühlt. Es ist ein Spruch an sich selbst: Das Leben solle jetzt irgendwie weitergehen – so wie man es kennt oder zu kennen glaubt. Aber hilft das Weiter wirklich weiter, wenn etwas passiert, das man kaum zu begreifen vermag?

Im deutschen Fußball wird nach der Selbsttötung des Nationaltorhüters Robert Enke der Alltag vorerst angehalten. Das für das Wochenende geplante Länderspiel gegen Chile ist abgesagt worden, bei Enkes Verein in Hannover wird getrauert statt trainiert. Die Spieler halten genauso inne wie Enkes Freunde und Verwandte; auch wie die Fans, die mit Kerzen zum Stadion ziehen anstatt mit Fahnen. Der Ball liegt still, und das Tor bleibt leer.

Warum hat er das getan? Warum sah er keinen anderen Ausweg als jenen auf das Bahngleis? Diese Fragen hat der an Depressionen leidende Robert Enke hinterlassen, sie wirken in die Gesellschaft hinein – und in den Fußball, der ein Teil dieser Gesellschaft ist und gleichzeitig ihre Spiegelfläche. Nicht nur im Fall Enke liegt die Frage verborgen, wie viel Empathie das überdrehte Geschäft Profifußball noch in sich zu tragen vermag. Der Deutsche Fußball-Bund und die Spieler der Nationalmannschaft haben auf diese grundsätzliche Frage eine vorläufige, aber die einzig richtige Antwort gegeben: Die Spiele gehen nicht gleich weiter.

Das Innehalten hat Herz und Verstand. Nach Robert Enkes Tod zeigt der Fußball ein Mitgefühl, das Enke zu Lebzeiten womöglich nicht für möglich gehalten hat. Nun ist das Spiel Nebensache, selbst wenn es auch für Enke die allerwichtigste war. Die Hauptsache bleibt das Leben, von dem der Tod ein Teil ist und gleichzeitig seine Spiegelfläche.

Das Leben geht weiter, sagt man. Aber das heißt nicht, dass es morgen weitergehen muss, so wie man es kennt oder zu kennen glaubt. Auch nicht übermorgen, auch nicht am Wochenende. Zeit muss verstreichen dürfen, wenn es sie braucht. Zeit zum Nachdenken und zum Befragen, auch sich selbst.

Zeit für Tränen.

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