Kommentar : Der Schrecken von Wien

Michael Rosentritt hofft, dass sich die deutsche Elf wieder verführen lässt.

Michael Rosentritt

Andreas Köpke, der Bundestorwarttrainer und direkter Vorgesetzter des wackeligen Jens Lehmann, hatte sich einen kleinen Scherz zum Spiel in Wien bereitgelegt: „Die haben wir ganz schön an die Wand gespielt.“ Helles Lachen. Wenn man ein solches Spiel 3:0 gewinnt, tut Lachen gut. Es hilft Angst und Schrecken zu verdrängen, nicht aber zu besiegen.

Das ist vielleicht die große Lehre der präweltmeisterschaftlichen Zeit. Vor zwei Jahren herrschte nach einer ganz ähnlichen Länderspielleistung, die die Italiener allerdings mit vier Toren bestraften, eine heilige Hysterie um die Tauglichkeit der deutschen Mannschaft. Ihr fehlte ein klares Gesicht und sie war nicht eingespielt so dicht vor dem Höhepunkt. Der Umkehrschwung gelang in der damals vielbeschworenen WM-Vorbereitung. Auch jetzt verweisen Trainer und Spieler auf jene Phase vor der EM. Es ist aber fraglich, ob ein solcher Effekt wiederholbar ist.

Dagegen spricht einiges. Die Voraussetzungen haben sich verschoben. Etwa die Mentalität. Das Fiasko von Florenz hatte die Spieler gefügig gemacht. Sie sahen ihr Heil einzig in der Vorbereitung. Die Spieler folgten dem Masterplan Jürgen Klinsmanns bedingungslos. Sie waren wissbegierig, willig, strebsam, fast demütig. Tatsächlich wurden sie taktisch und technisch getunt und Klinsmann hauchte ihnen einen fast übersinnlichen Glauben an die eigene Stärke ein. Dieser physische und psychische Schub trug sie durch das Turnier und weit darüber hinaus, gerade so, als ginge es in den folgenden EM-Qualifikation noch immer darum, Weltmeister zu werden.

Die deutsche Mannschaft unter Joachim Löw hat als Gebilde funktioniert, fast unabhängig von der Aufstellung. Die Spielphilosophie galt als verinnerlicht, das Team wirkte emanzipiert. Im Grunde besteht genau darin eine Gefahr. Lässt sich die Mannschaft noch einmal so einschwören, so verführen?

So schön die vielen Debütanten auch sind, so wenig haben sie die Mannschaft qualitativ vorangebracht. Diese Mannschaft braucht Entwicklung in der Spitze, nicht in der Breite. Das sollte der Schrecken von Wien lehren.

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