Kommentar : Ein Sportereignis?

Robert Ide über die Berichterstattung zur diesjährigen Tour de France

Robert Ide

Was ist die Tour de France eigentlich noch? Ein Sportereignis, ein Dopingereignis, ein Zirkusereignis – oder gar kein Ereignis mehr? Sicher ist nur, dass die Frankreich-Rundfahrt des Profiradsports morgen wieder startet. Und dass sie vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen wird, als handele es sich um ein Sportereignis. Dabei kann man das gar nicht wissen – nach allem, was man über den organisierten Profiradsport sicher weiß.

Vor einem Jahr ist die Tour nach diversen Doping-Geständnissen und Doping-Enthüllungen im Chaos versunken. In den vergangenen Monaten hat es im Radsport weniger öffentlich gewordene Dopingfälle gegeben. Große Sponsoren haben sich zurückgezogen, und manch kleineres Team versucht sich mit offensiven Anti-Doping-Programmen zu profilieren. Fahrer berichten, dass ihre Konkurrenten nicht mehr bei jedem Schlussanstieg mit übermenschlicher Kraft davonsprinten. Indizien für einen Neuanfang? Indizien, vielleicht. Indizien, höchstens.

Wenn sich Sport als Sport und nicht als Zirkus begreifen und vermarkten will, braucht er ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit. Die Tour de France und der Profiradsport aber sind noch lange nicht glaubwürdig, auch wenn sie sich von besonders verdächtigen Teams wie Astana zu distanzieren versuchen – schon aus wirtschaftlichem Interesse. Doch wie viele Doping-Netzwerke sind nicht aufgedeckt, wie viele Blutbanken versorgen womöglich Sportler im Geheimen weiter? Diese Fragen bleiben.

Das alles klingt nach Generalverdacht. Ist dieser nicht ungerecht gegenüber den möglicherweise sauberen Gewinnern? Ja. Aber Misstrauen gegenüber dem Radsport und seinen Strukturen bleibt angebracht. Das System haben Geständige wie Jörg Jaksche hinreichend beschrieben – und unfreiwillig auch Jan Ullrich mit seinem Satz, er habe niemanden betrogen. Ob es nicht mehr existiert? Sicher ist das nicht. Sicher ist, dass Jörg Jaksche keinen neuen Rennstall gefunden hat.

Für die Medien wird es auch in diesem Jahr schwer, die Wahrheit zu finden; die Wahrheit hinter den nach wie vor faszinierenden Bildern der Massensprints und der Alleinritte im Hochgebirge. Auch für uns. Wir haben im vergangenen Jahr kritisch und zurückhaltend berichtet – von einem Ereignis, das sich als Dopingereignis herausgestellt hat. Bei dieser Zurückhaltung und Skepsis werden wir bleiben.

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