Kommentar : Es kann nur noch einen geben

Nach seinem überlegenen Sieg gegen Ruslan Tschagajew müsste Wladimir Klitschko jetzt eigentlich gegen seinen Bruder Witali boxen

Michael Rosentritt

Als einer der Betreuer auch den vierten riesenhaften Gürtel auf dem Tisch des Podiums drapiert hatte, war das ganze Ausmaß des Problems sichtbar. Da saß er nun, der mit Titeln überladene Weltmeister des Schwergewichts, Wladimir Klitschko, und kramte in seinem Kopf nach Namen, die als Gegner für ihn in Frage kommen könnten. Der 33-Jährige rollte mit den Augen, faltete seine Hände und sagte – nichts. Was soll er auch sagen? Soll er sagen, was sich alle wünschen, aber er, der kleine Klitschko, nicht sagen darf: Ein Duell mit seinem Bruder Witali ist das einzige, das noch übrig bleibt. Natürlich hat Wladimir Klitschko in dieser Nacht dieses Thema zu umschiffen versucht. Schließlich haben es beide Söhne vor Jahren der Mutter versprochen: Sie werden niemals gegeneinander kämpfen.

So viel zum Dilemma, in dem das Schwergewicht des Berufsboxens steckt. Große Mattheit machte sich nach dem Kampf breit. Ruslan Tschagajew, dessen Trainer Michael Timm den Kampf gegen Klitschko in der Pause zur zehnten Runde aufgab, blinzelte müde. Dann sagte Tschagajew, dass er eigentlich nicht viel sagen möchte. Und auch den Journalisten aus aller Herren Länder, die mit 60 000 Besuchern in der Arena auf Schalke einen einseitigen Kampf gesehen hatten, stand Langeweile in die Gesichter geschrieben. Wer soll diesen Klitschko schlagen, wenn nicht der andere Klitschko?

Der tapfere Tschagajew hat es nicht geschafft. Dabei hatten nicht wenige dem 30-jährigen Usbeken es durchaus zugetraut, dem Ukrainer gefährlich werden zu können. Bis zur „Schlacht von Schalke“ (RTL-Motto) war Tschagajew ungeschlagen. „Er hat immerhin Nikolai Walujew geschlagen, der doppelt so groß ist wie er“, sagte Klitschko hinterher über seinen Gegner. Ein bisschen erinnerte der Kampf an das Champions-League-Finale vor einem Monat. Nicht wenige Fans hielten es für möglich, dass Manchester United doch tatsächlich den FC Barcelona, die beste Fußballmannschaft der Welt, besiegen könne. Am Ende hatten die Engländer zehn gute Minuten, aber nie ernsthaft eine Aussicht auf Erfolg. Wenn Messi, Xavi und Co. erst einmal ins Rollen kommen, dann …

Tschagajew hatte zwei wackere Runden, die sechste und siebte, aber mehr als ein paar gute Körpertreffer konnte der 15 Zentimeter kleinere Herausforderer nicht anbringen gegen den anrollenden Klitschko. „Glück auf! Ich bin überglücklich“, rief dieser aus dem Boxring in die Nacht von Schalke. „Ruslan hat heute alles gegeben, aber ich war besser.“ Der 33 Jahre alte Weltmeister verteidigte damit seine Titel inklusive der stattlichen Gürtel-Sammlung erfolgreich und bekam obendrein vom amerikanischen Magazin „The Ring“ den Übertitel „wahrer Champion“ verliehen – natürlich in Form eines kunterbunten Gürtels mit Rüschen, Gold und Glitzer. „Wladimir war der schnelle und bessere Boxer“, sagte der geschlagene Mann. „Er ist ein richtiger Weltmeister.“ Theoretisch hätte Tschagajew noch weiterboxen können, aber sein Trainer stoppte in der Ringecke den Kampf. „Ruslan wollte weiterkämpfen, aber ich wollte ihn schützen. Meine Entscheidung stand fest, er hätte mich schon ausknocken müssen“, sagte Trainer Timm.

Tatsächlich hatte Tschagajew nicht die Spur einer Chance. Zwar war es ihm gelungen, Klitschkos starken Jab halbwegs zu blockieren, doch gegen dessen schwere Rechte konnte er wenig machen. Bereits in der zweiten Runde schlug sie krachend ein und holte ihn mal eben von den Beinen. Von da an war Tschagajew mindestens beeindruckt von der dominanten Kampfesführung des Ukrainers. Einige Beobachter hatten damit gerechnet, dass Klitschko Probleme kriegen könnte gegen Tschagajew, den er erst gut zwei Wochen vor dem Kampf als neuen Gegner akzeptierte, nachdem sich der eigentlich vorgesehene Brite David Haye im Training verletzt hatte.

Wladimir Klitschko musste sich auf einen sehr viel kleineren Gegner als Haye einstellen, der noch dazu ein Rechtsausleger ist. Normalausleger wie Klitschko (rechte Schlaghand) empfinden die andere, eher seltenere Auslage als unangenehm. Doch nicht Klitschko fiel die Umstellung auf einen neuen Gegner schwer, sondern Tschagajew, dessen WM-Kampf gegen den hünenhaften Nikolai Walujew (2,13 Meter) vor kurzem abgesagt worden war. Der Russe, auf den sich Tschagajew wochenlang vorbereitet hatte, ist im Vergleich zu Klitschko ein Zeitlupenboxer. „Die Schnelligkeit von Wladimir war der Schlüssel zum Sieg“, sagte Tschagajews Manager Klaus-Peter Kohl.

Klitschko gefiel sich hinterher in der Rolle des Dominators. „Ich liebe diesen Sport, wie ich ihn noch nie geliebt habe“, sagte er und lächelte dabei in die Kameras. „Ich liebe die Aufmerksamkeit.“ Die Plattform dafür hatte ihm RTL geboten. Der Sender arrangierte ein Spektakel, das es so in Deutschland noch nicht gegeben hat. Der riesige Innenraum diente als Vip- Raum, in dem allerhand geboten wurde, nur nicht richtiges Boxen. Die Rahmenkämpfe gingen unter, was aber nicht weiter schlimm war, weil sie wenig Klasse hatten. Schließlich wurde auch noch Oliver Pocher in die Arena geschickt, der ein paar belanglose Scherze machte und aufgeregt zwischen den ringnahen Reihen umhersprang. Das Publikum pfiff.

Wladimir Klitschko ließ sich die Stimmung trotzdem nicht verderben. Nur die Frage nach dem Bruderduell verfolgte ihn: „Der beste Boxer der Welt ist Witali“, sagte er leicht gereizt. Bruder Witali, der wenige Meter entfernt stand, ließ das nicht auf sich sitzen: „Nein, der beste ist Wladimir, ich bin nur der älteste.“ Wladimir spürte, dass diese eine Frage immer wieder kommen wird. Also verstieg er sich am Ende zu einer philosophischen Aussage. „Das war heute nicht mein bester Kampf. Der liegt noch vor mir. Und mein schwierigster auch.“

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