Kommentar : Fair Play im Fußball ist tot – nicht erst seit Dienstag

Das Skandaltor von Luiz Adriano für Schachtjor Donezk am Dienstagabend in der Champions League hat eine Welle der Empörung nach sich gezogen. Dabei ist Täuschen und Schummeln im Fußball längst an der Tagesordnung.

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Luiz Adriano ist sich keiner Schuld bewusst.
Luiz Adriano ist sich keiner Schuld bewusst.Foto: AFP

Ex-Nationalspieler Lothar Matthäus fand schon in der Halbzeitanalyse beim Fernsehsender Sky drastische Worte für das, was da gerade im Champions-League-Spiel FC Nordsjaelland gegen Schachtjor Donezk passiert war: „Das war eine Unsportlichkeit, die ihresgleichen sucht“ urteilte Matthäus in seiner Funktion als TV-Experte und sprach damit wohl allen Zuschauern aus der Seele.

Gemeint war die Szene in der 26. Minute: Schiedsrichterball nach einer Verletzungsunterbrechung, ein Donezk-Spieler schießt den Ball fairerweise zurück in Richtung Tor der Dänen, damit die das Spiel neu eröffnen können. Doch Donezk-Stürmer Luiz Adriano hält von Fair-Play offenbar nicht viel – er erläuft den Schuss und schießt den Ball zum 1:1-Ausgleich in die Maschen. Auch der Versuch, diesen unrühmlichen Auftritt wieder auszubügeln, scheitert, weil ein Donezk-Spieler sich entscheidet, den Nordsjaelland-Stürmer doch nicht frei durchlaufen und ein Tor schießen zu lassen und ihm stattdessen den Ball wegspitzelt und das Spiel fortsetzt, als sei nichts gewesen. Beim genaueren Betrachten der Szene ist zu sehen: Während die meisten Donezk-Spieler tatenlos herumstehen und tatsächlich gewillt scheinen, den Gegner ein Tor erzielen zu lassen, schreit und gestikuliert ausgerechnet Luiz Adriano wild herum, seine Mitspieler zum Angreifen auffordernd.

Auch am Tag darauf zeigt der brasilianische Stürmer keine Reue für sein Verhalten, gleichzeitig ist die Empörung in der Fußballwelt riesig. Auf Adrianos Facebook-Seite prasselt ein Sturm der Entrüstung auf den Stürmer herein. „Du bist eine Schande für diesen Sport“ schreiben dort viele wütende Fußball-Fans. Inzwischen hat sich auch die Uefa in den Fall eingeschaltet.

Sie mögen zwar Recht haben, die Empörten, doch im Grunde ist Luiz Adriano nur einer von vielen. Er mag es durch die besondere Dummdreistigkeit seiner Aktion auf die Spitze getrieben haben, eigentlich hat er aber nur das getan, was ein Großteil der Fußballprofis heutzutage ohnehin ständig tut: Gewinnen wollen um jeden Preis und dabei jegliche Moral über Bord werfen, sämtliche Lücken des Regelwerks mit einer hemmungslosen Dreistigkeit ausnutzen, Täuschen und Schummeln bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Bei jedem Ball der ins Aus rollt heben gleich mehrere Spieler reflexartig den Arm, um zu signalisieren, dass sie den Einwurf oder den Eckball bekommen sollen. Auch wenn sie ganz genau wissen, dass dies eine Fehlentscheidung wäre, versuchen kann man es ja.

Bei den unsäglichen „taktischen Auswechselungen“ in den Schlussminuten, deren einziger Zweck ohnehin das Zeitschinden ist, hat es sich inzwischen als Selbstverständlichkeit eingebürgert, dass der ausgewechselte Spieler möglichst langsam quer über den Platz schleicht und sich nicht mal mehr die Mühe gibt, Eile vorzutäuschen.

Die Liste der vielen ärgerlichen und weitgehend tolerierten Unsportlichkeiten ließe sich beliebig fortsetzen. Sie steht für eine weit verbreitete Fußballkultur die sich von Grundprinzipien wie Fairness, Sportlichkeit und Glaubwürdigkeit schon lange verabschiedet hat. 

Luiz Adriano ist nun das jüngste, haarsträubendste Beispiel, doch Unsportlichkeiten und Unfairness gibt es nicht erst seit Dienstag. Wer sich davon überzeugen möchte, kann ja mal bei Rüdiger Vollborn nachfragen, dem langjährigen Torhüter von Bayer Leverkusen. Der hatte 1984 in einem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach einen Pfiff aus dem Publikum mit einem Pfiff des Schiedsrichters verwechselt und den Ball folglich zum Freistoß vor sich  auf den Boden gelegt. Ein Gladbacher witterte seine Chance, rannte hin und schob den Ball ins leere Tor. Sein Name: Lothar Matthäus.

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