Kommentar : Fans brauchen keine Fußballer in der Kurve

Selbst nach der schlimmsten Niederlage muss die Mannschaft noch in den Fanblock. Blödsinn ist das. Stefan Hermanns über hohle Floskeln und Ersatzhandlungen vor der Kurve.

Stefan Hermanns

Vor einer Woche saß ich in Enschede im Stadion, um das Uefa-Cup-Spiel von Schalke 04 zu verfolgen. Kurz nach dem Abpfiff wurde es noch einmal richtig aufregend. Hinter mir telefonierte ein Kollege mit seiner Redaktion. „Es gibt hier noch einen Skandal“, berichtete er aufgebracht. „Die Schalker gehen in die Kabine, ohne sich von ihren Fans zu verabschieden.“

Skandal! Skandal! Skandal? Während des Spiels in Enschede hatten sich die Schalker Fußballer von ihrem Anhang beschimpfen lassen müssen, sie wurden als Amateure verspottet und der Arbeitsverweigerung geziehen. Was ist skandalös daran, wenn sie nach dem Spiel lieber in die Kabine gehen, als die Kurve aufzusuchen? Wäre ich Fußballer, hätte ich nach dieser Vorgeschichte auch kein Interesse, meinen Fans besonders nahe zu kommen. Das Verhalten der Schalker war nicht skandalös, es war einfach: ehrlich.

So darf man das natürlich nicht sehen, als Spieler schon mal gar nicht. Der abschließende Besuch in der Fankurve ist eine allgemeingültige Höflichkeitsformel wie früher der Handkuss für die Dame. Dass er längst zur Floskel verkommen ist, scheint niemanden zu stören. Selbst nach der schlimmsten Niederlage gegen den Erzrivalen, nach dem fußballerischen Bankrott gegen den Tabellenletzten muss die Mannschaft noch in den Fanblock. Blödsinn ist das. Der Besuch der Mannschaft in der Kurve war einmal etwas Besonderes. Inzwischen ist er nur noch Ersatzhandlung, die eine Nähe suggerieren soll, die es zwischen Fußballern und ihrem Anhang schon lange nicht mehr gibt.

Und überhaupt muss es den Fans auch erlaubt sein, die Mannschaft einmal nicht sehen zu wollen.
 
Unser Fußball-Reporter Stefan Hermanns schreibt an dieser Stelle im Wechsel mit 11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster.

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