Kommentar : Hansa macht sich ehrlich

Christian Hönicke gratuliert Zweitligist Rostock zu einer wichtigen Erkenntnis

Christian Hönicke

Ansprüche sind gut und wichtig, um nach oben zu führen, aber manchmal können sie einen auch erdrücken. Beim Zweitligisten Hansa Rostock sprach man lange von nichts anderem als vom Wiederaufstieg in die Bundesliga. Dass Struktur, Etat und Kader diesem Anspruch kaum gerecht werden konnten, verdrängte man geflissentlich. Jetzt ist es nicht mehr zu übersehen: Der Verein kämpft gegen den Abstieg in Liga drei.

Es wäre nicht der erste Fall eines Klubs, der im Gefühl der Selbstüberschätzung eine Liga tiefer getaumelt ist – Rostocks letzter Gegner Kaiserslautern kennt diese Erfahrung. Auch Hansa hielt sich bis zuletzt für einen natürlichen Erstligisten. Dem Vernehmen nach ist der ambitionierte Verein an Thomas Doll als Nachfolger des entlassenen Frank Pagelsdorf interessiert. Doll ist Hansa aus persönlicher Erfahrung sehr verbunden, doch man hört, dass ihm das für Neuverpflichtungen zur Verfügung stehende Geld zu wenig ist. Auch Juri Schlünz nahm nur widerwillig als Interimslösung auf der Bank Platz. Dass nicht einmal diese beiden Klubkoryphäen Lust haben, sich in die Zwickmühle von erstklassigen Ambitionen bei bestenfalls zweitklassigen Bedingungen zu begeben, dürfte in Rostock einige Augen geöffnet haben.

Inzwischen hat der gefühlte Erstligist seine Ansprüche in Richtung Wirklichkeit nach unten korrigiert. „Wir stecken im Abstiegskampf“, sagt Hansas Vorstandsvorsitzender Dirk Grabow. Damit hat sich der Klub ehrlich gemacht und die Trainersuche erleichtert, denn das Profil für den neuen Coach ist nun klar: An der Ostsee braucht man keinen Aufstiegstrainer, sondern einen Retter.

Hansa ist ein Zweitligist, das hat man in Rostock jetzt eingesehen. Es ist ein erster Schritt dahin, dass diese Einschätzung auch noch am Saisonende noch zutrifft.

0 Kommentare

Neuester Kommentar