Kommentar : Herausforderer gesucht

Michael Rosentritt trauert um die Klasse der Boxer im Schwergewicht.

Michael Rosentritt

Tony Thompson ist ein netter Kerl. Der Boxer aus Washington mit der Figur eines Basketballers hat sieben Kinder, gute Manieren und präsentierte sich eine Woche lang in Hamburg als witziger Gesprächspartner. Im Boxring aber ist Thompson nur ein wackerer Schlacks, weltmeisterliches Format hat er keins. Dasselbe könnte man über ein Dutzend von US-Boys fällen, die in den vergangenen Jahren aussichtslos dem wichtigsten Titel im Boxen hinterherhechelten. Ihnen fehlt die Qualität. Auch deshalb hängt das Schwergewichtsboxen in den Seilen.

Wo sind die starken, hungrigen und gut ausgebildeten Amerikaner, die ein Jahrhundert lang das Schwergewicht dominierten? Seit zwanzig Jahren stellt die USA keinen Olympiasieger im Schwergewicht mehr. Der letzte war Ray Mercer.

Wladimir Klitschko ist nichts vorzuwerfen. Der Olympiasieger von 1996 ist nach zwei bösen Niederlagen als Champion gewachsen. Er ist selbstbewusst und die, die sich ihm in den letzten vier Jahren in den Weg stellten, die hat er bezwungen. Aber um als ganz großer Champion anerkannt zu werden, fehlen ihm die großen Kämpfe, oder besser: die großen Herausforderer. Ali hatte Frazier und Foreman, Lewis hatte Tyson und Holyfield - aber wen hat Klitschko?

Im Oktober wird Witali Klitschko sein Comeback im Ring geben. Der ist dann 37 Jahre alt und hat vier Jahre lang nicht im Ring gestanden. Seine Chancen, einen WM-Gürtel zu ergattern, stehen derzeit bestens. Und das nach einer Rücken-OP und je einem Meniskus- und Kreuzbandriss. Armes Schwergewicht.

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