Kommentar : Hertha wird Meister? Nur unten rum!

Die Duelle mit den Spitzenteams hat Hertha gewonnen, gegen schwache Teams hingegen tun die Berliner sich schwer. Michael Rosentritt erklärt, was Hertha BSC noch alles zuzutrauen ist.

Michael Rosentritt
TabelleHertha
Ganz oben. Sowohl in der Tabelle - als auch im Stadion, unterm Dach.Foto: ddp

Bisher hieß es doch immer: Ja, ja Hertha - die spielen ja ganz gut mit, die Berliner, aber immer wenn es drauf ankommt, dann packen sie es nicht.

Hertha begleiten Zweifel. Zweifel, die sich aus vielen Jahren verspielter oder verschenkter Möglichkeiten speisen. Jetzt steht Hertha BSC wieder einmal ganz oben. Das tat der Verein seit Gründung der Bundesliga zwar schon zehn Mal (zuletzt am 1. Oktober 2006), aber meist reichte es am Ende nur zu einem Uefa-Cup-Platz, oft nicht mal dafür.

Als Joachim Löw neulich nach seinen Kandidaten auf die Meisterschaft befragt wurde, hat er Hertha nicht genannt. Das tat der Bundestrainer bestimmt nicht aus Vergesslichkeit oder bösem Willen. Vermutlich ging es Löw wie den meisten Menschen, die der Mannschaft den ganz großen Wurf nicht zutrauen. Doch noch nie stand Hertha zu einem solch fortgeschrittenen Saisonzeitpunkt an der Tabellenspitze, nach immerhin 20 von 34 Spieltagen. Verheißt das mehr?

Nun, schon der Sieg über Hoffenheim im November war ein viel beachteter. Aber einer, der längst nicht alle Zweifel zerstreute. Der Sieg jetzt gegen die Bayern ist mehr wert. Hertha hat einer Drucksituation erfolgreich standgehalten. Die Mannschaft ist gut organisiert, taktisch gereift, und das Spielsystem, das ihr Trainer Lucien Favre eingeimpft hat, funktioniert weitgehend unabhängig von Personen. Darf man Hertha jetzt alles zutrauen?

Die Duelle mit den diesjährigen Spitzenmannschaften wie Leverkusen, Hoffenheim und Hamburg hat Hertha gewonnen. Nun ist auch das 1:4 von München aus dem Hinspiel getilgt. Tatsächlich kann Hertha sich dem Niveau des jeweiligen Gegners anpassen. Man könnte auch sagen: Hertha kann so gut sein, wie es gerade nötig ist. Und im Zweifelsfall ein Stückchen besser. Nur ist die Bilanz gegen die Gegnerschaft der Mittelklasse und die darunter weniger gut. Spielt der Gegner schwach, bleibt es Hertha auch. Mit ein bisschen Glück ließen sich grausige Spiele gewinnen, aber es ging auch schon schief. Hertha hat gegen Cottbus, Bremen und Schalke verloren und gegen Bielefeld zweimal unentschieden gespielt.

Herthas Wahrsager im Kampf um die Meisterschaft sind die sogenannten Kleinen. Das sollte nicht die schlechteste Ausgangslage sein. Hertha hat es in der Hand, vielleicht wie noch nie in den vergangenen 30 Jahren. Auf geht’s. Andernfalls bliebe es so wie immer.

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