Kommentar : Herthas Hypothek

Falsche Pfiffe, ausgesperrte Zuschauer, schwache Konkurrenz: Sven Goldmann über Herthas Auf und Ab im Abstiegskampf – und dessen Ende.

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Pal Dardai hat einen hübschen Satz gesagt am späten Samstag. Es ging dabei, wie so üblich in den vergangenen Wochen, um Schiedsrichterentscheidungen, die Hertha BSC nicht unbedingt zum Vorteil gereichen. Um einen falschen Abseitspfiff und ein übersehenes Handspiel im Stuttgarter Strafraum. Dazu hat Pal Dardai gesagt, „dass wir uns nicht aufregen dürfen, denn so etwas gleicht sich alles aus im Rhythmus eines Jahrzehnts“.

Dieser Ansatz bietet die beruhigende Perspektive, dass Hertha BSC bei einem wahrscheinlichen Abstieg spätestens im Frühling 2020 eine realistische Chance auf eine Rückkehr in die Bundesliga hat. Und er erhebt sich auf bemerkenswerte Weise ab von der in weiten Kreisen verbreiteten Theorie, dass Herthas Absturz einer Verschwörung von Schicksal, Schiedsrichtern und DFB geschuldet ist. Falsche Pfiffe, ausgesperrte Zuschauer und dieses an den Nerven zehrende Auf und Ab im Abstiegskampf – einfach unerträglich!

Das Praktische an dieser Theorie ist, dass sie so schön und plakativ ablenken kann von den wirklichen Ursachen. Von der unzureichenden Saisonplanung mit einer nicht konkurrenzfähigen Mannschaft, die viel zu spät auf Bundesliganiveau gebracht wurde. Vom Eingeständnis, dass Hertha in der Rückrunde zwar gut genug spielt, um in der Bundesliga zu bleiben. Aber eben nicht gut genug, wenn man die Hypothek der desaströsen Hinrunde berücksichtigt.

Ja, es gab falsche Pfiffe gegen Hertha. Aber der eigentliche Skandal ist doch, dass an ihnen der Ligaverbleib eines Klubs hängt, der vor einem Jahr beinahe noch Meister geworden wäre. Wer 14 Heimspiele in Folge nicht gewinnt, sollte dankbar dafür sein, dass ihm der Verband mittels seiner Sportgerichtsbarkeit die Simulation eines Auswärtsspiels ermöglicht. Und wie gütig ist doch das Schicksal: Es beschert Hertha im Abstiegskampf eine so schwache Konkurrenz, auf dass alle zwei Wochen wieder eine Rettung möglich erscheint, trotz allen eigenen Versagens.

Welch unverdiente Gnade, dieses Jojospiel.

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