Kommentar : In Goethes Fußstapfen

Sportler und Sportfunktionäre, ehemalige wie aktive, veröffentlichen momentan nahezu täglich ihre bewegenden Lebensbeichten. Mühsam zusammengepresst auf 200 Seiten. Nicolas Diekmann freut sich bereits auf die kommenden Biografien.

Nicolas Diekmann

Es sind zwei Dinge, die über Deutschland gesagt werden und die nun – endlich – ineinanderfließen. Seit den Zeiten der Goethes und Schillers hieß es, Dichter und Denker prägen dieses Land. Und spätestens nach der Fußball-WM 1954 galt Deutschland gemeinhin als sportbegeistert. Im Herbst dieses Jahres nun wächst zusammen, was zusammengehört: Sportler und Sportfunktionäre, ehemalige wie aktive, veröffentlichen nahezu täglich ihre bewegenden Lebensbeichten. Mühsam zusammengepresst auf 200 Seiten.

Nachdem Oliver Bierhoff den Startschuss zur allerfeinsten Sprachkost gegeben hat, folgte zunächst Ex-Fußballer Uli Borowka mit seinen lyrischen Ergüssen („Ich habe 20 Jahre durchgetrunken“). Auch Peter Neururer fand Zeit zum literarischen Müßiggang. Das buchballerische Schmankerl dieser Tage liefert jedoch Lothar Matthäus ab. Heute stellt er sein Opus magnum auf der Frankfurter Buchmesse vor, und wie es sich für einen ernst zu nehmenden Autoren gehört, ließ er Auszüge aus seinem Werk „Ganz oder gar nicht“ von einem als Qualitätszeitung bekannten Blatt vorabdrucken. Zuletzt überlegte sich auch die immerhin fast 29-jährige Maria Höfl-Riesch, dass der deutsche Buchmarkt auch durch sie neues Futter verdient. So umschreibt sie mit sprachlicher Finesse das Geschehen im Skisport als „Pornozirkus“. Famos.

Da aber auf triste Herbsttage die verschneiten Monate folgen, braucht es auch künftig Lesestoff der Großen und Größten. „Auf eine Zigarette mit Mario Basler“ etwa oder Tim Wieses Leben „Im Spiegel“. Beschließen könnte die Epoche gehaltvoller Abendlektüre eine gemeinsame Abhandlung Britta Steffens’ mit ihrem Schwimmpartner Paul Biedermann. Der Titel: „Die Wahlverwandtschaft“. Und in Heines Tradition wäre Deutschland um ein Wintermärchen reicher.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben