Kommentar : Künstliches Florenz

Michael Rosentritt sorgt sich um die Sorgen Oliver Bierhoffs.

Michael Rosentritt

Irgendwann in den vergangenen Tagen muss Oliver Bierhoff schweißnass aufgewacht sein. Vermutlich hat der Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Traum mit ansehen müssen, wie die Österreicher seine Mannschaft bei der Europameisterschaft im letzten Gruppenspiel vorführen und die Abordnung des Deutschen Fußball-Bundes wie schon 2000 und 2004 nach der Vorrunde die Rückreise anzutreten hat. Alles nur geträumt, hätte Bierhoff sich sagen können. Aber stecken nicht viele Ahnungen in Träumen?

Oliver Bierhoff hält es für ratsam, ab sofort „tierisch“ aufzupassen. Deshalb hielt er gestern eine Ruckrede. Tatsächlich hat es die EM nicht so richtig ins allgemeine Bewusstsein gebracht. Die deutschen Fußballer wiegen sich in Zufriedenheit. Bundestrainer Joachim Löw hat das Klinsmannsche Projekt weiterentwickelt, die EM-Qualifikation verlief beinahe anstandslos und ständig rücken neue Spieler in die Nationalelf nach. Aber was heißt das schon? Es fehlt der letzte Biss, die Fokussierung auf das Sommerereignis. Dort starten unter anderem die vier WM-Halbfinalisten, nicht aber dankbare Warmspielgegner wie Costa Rica (Österreich mal ausgenommen).

Vermutlich wird Bierhoff an seine bislang letzten schweißnassen Stunden gedacht haben. Mit dem Unterschied, dass sie kein Traum, sondern Wirklichkeit waren. In das WM-Jahr 2006 war die deutsche Elf mit einer 1:4-Niederlage in Italien gestartet. Bei allem, was man heute weiß, war das Desaster von Florenz so etwas wie ein allgemeiner Weckruf. Dieses Spiel ging in die deutsche Historie ein als der Wendepunkt, an deren vorläufigem Ende das WM-Halbfinale gegen Italien stand. Von Florenz an war alles anders – besser.

Vermutlich wird die deutsche Elf in Wien nicht unter die Räder geraten. Wien ist nicht Florenz, und der österreichische Fußball mit dem Italiens kaum zu vergleichen. Deswegen braucht die Nationalmannschaft einen Weckruf von innen heraus, eine Art künstliches Florenz.

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