Kommentar : Mehr als eine Trainersuche

Mit der Entlassung von Trainer Lucien Favre hat Hertha vor aller Öffentlichkeit eingestanden, dass der Verein im Abstiegskampf steckt, meint Stefan Hermanns. Ein Kampf, der möglicherweise nur mit viel Geld zu gewinnen ist.

Stefan Hermanns

Hertha BSC ist in den vergangenen Tagen mit Kritik und Häme geradezu überschüttet worden, deshalb erst einmal ein gutes Wort über den Berliner Fußball-Bundesligisten. Der Verein hat etwas geschafft, was nach den erfreulichen Ereignissen der vergangenen Saison alles andere als selbstverständlich war. Gerade fünf Monate ist es her, dass Hertha noch von der Meisterschaft und einer glänzenden Zukunft hat träumen dürfen. Am Montag nun hat sich Hertha von aller Spintisiererei verabschiedet, am Montag hat sich Hertha brutal ehrlich gemacht. Die Entlassung von Lucien Favre war für Manager Michael Preetz und die Vereinsführung auch deshalb so schwer, weil sie in erster Linie ein bitteres Eingeständnis ist: Wir, Hertha BSC, der Fast-Meister des Frühjahrs, gestehen hiermit vor aller Öffentlichkeit, dass wir im Abstiegskampf stecken, dass es für uns in dieser Saison nur noch um eines geht: um den Klassenerhalt, und das mit allen Mitteln.

Hertha hat die Zukunft erst einmal auf Wiedervorlage gelegt, die Idee vom modernen Fußball à la Favre, für den das Funktionieren der Mannschaft immer wichtiger war als das Wohl des Einzelnen. Das ganze Konstrukt steht jetzt infrage, weil Hertha erst einmal die Gegenwart meistern muss, um überhaupt eine Zukunft zu haben.

Herthas neue Führung um Präsident Werner Gegenbauer hat dem Verein einen strikten Kurs der finanziellen Konsolidierung verordnet – eine Alternative zu diesem Weg gibt es nicht. Die neue Führung ist auch mit dem Ziel angetreten, einen neuen Stil zu etablieren, sie will für mehr Zusammenarbeit stehen, für mehr Offenheit und weniger Machtmenschgehabe. Das mag aller Ehren wert sein, ist durch die aktuelle sportliche Misere allerdings ernsthaft in Gefahr geraten.

Lucien Favre war eine Schlüsselfigur in Herthas mittelfristiger Planung – weil er in der vergangenen Saison bewiesen hat, dass er eine Mannschaft auch ohne Mega-Millionen-Transfers entwickeln kann; weil er die schwierigen Gegebenheiten in Berlin akzeptiert hat und weil sein Verhältnis zu Preetz und Gegenbauer von gegenseitigem Vertrauen geprägt war. Man kann sich schon jetzt ausmalen, was mit dem neuen Trainer passieren wird, der mit Herthas unrundem Kader das derzeit unmöglich Erscheinende möglich machen soll. Er wird Verstärkungen fordern: Verstärkungen, die Geld kosten, Geld, das die Berliner nicht haben. Das ist nicht nur sein gutes Recht; es ist angesichts der derzeitigen Situation vermutlich auch seine verdammte Pflicht. Die Rettung vor dem Abstieg könnte Hertha teuer zu stehen kommen. Ein Abstieg aber wäre mehr als teuer. Er würde den Verein in seiner Existenz bedrohen.

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