Kommentar : Ohne Bezug zur Realität

Nach dem Unentschieden in Frankfurt klingt alles, was die Berliner sagen, nur noch wie hohles Gewäsch. Über Herthas Flucht in Phrasen und Durchhalteparolen.

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Michael Preetz' Gesicht spricht Bände. Noch aber klammern sich die Berliner an den letzten Strohhalm.
Michael Preetz' Gesicht spricht Bände. Noch aber klammern sich die Berliner an den letzten Strohhalm.Foto: dpa

Friedhelm Funkel fuhr schon wieder auf Autopilot, und das Programm funktionierte trotz schwieriger Straßenlage. Kein Wunder, Funkel kennt die Fragen (War’s das jetzt?) inzwischen genauso in- und auswendig wie seine Antworten: Waren die bessere Mannschaft. Haben uns in der Rückrunde stabilisiert. Der Schiedsrichter war gegen uns. Wir schaffen das trotzdem. Uns hat nur das Quäntchen Glück gefehlt. Moment, Moment, Moment! Quäntchen Glück? Über Hertha wurde beim Spiel in Frankfurt ein ganzes Quantum Glück ausgeschüttet. Oder wie sonst soll man das nennen, wenn der Gegner wenige Minuten vor der Pause mit einem verschossenen Foulelfmeter das 2:1 vergibt und Hertha nur 33 Sekunden danach zum zweiten Mal in Führung geht?

Dass Funkel einfach die Sätze der Vor-, der Vorvorvor- und der Vorvorvorvorvorwoche wiederholt, zeigt vor allem eins: Seine Aussagen haben nur noch einen vagen Bezug zur Realität. Bei Hertha mag es auch an Glück mangeln, vor allem aber fehlt es an Qualität. Man muss nur sehen, wie Nürnberg, Bochum und Hannover am Wochenende gespielt haben. Wenn Hertha sich die Konkurrenz im Abstiegskampf backen könnte, dann kämen vermutlich Nürnberg, Bochum und Hannover in ihrer derzeitigen Verfassung heraus. Dass die Berliner trotz dieser Gegnerschaft immer noch Letzter sind, beschreibt das ganze Ausmaß des Desasters.

Das Paradoxe ist: Mit einem Sieg in Frankfurt am Main hätte Hertha den Anschluss an die Realität wiederhergestellt, drei Punkte wären es noch gewesen, nicht nur zum Relegationsplatz, sondern sogar zu Platz 14 und damit der direkten Rettung. Nach dem Unentschieden hingegen klingt alles, was die Berliner sagen, nur wie hohles Gewäsch. Durchhalteparolen nennt man das in der Branche. Niemand hat die Hoffnungslosigkeit verräterischer ausgedrückt als Arne Friedrich, Herthas Kapitän: „Wir geben erst auf, wenn auch rechnerisch nichts mehr möglich ist.“ Wer immer sich in diesen Satz flüchten muss, hat den Glauben an sich in seinem Innersten schon aufgegeben.

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