Kommentar : Schalke und die Macht der Geschichte

Kein Klub in der Bundesliga verfügt über einen derart tiefen Hang zur Emotionalität wie der FC Schalke 04. Stefan Hermanns erklärt in seinem Kommentar, warum das zugleich Fluch und Segen für den Verein ist.

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Berufsanfänger Keller kommt mit Schalke nicht in Schwung.
Berufsanfänger Keller kommt mit Schalke nicht in Schwung.Foto: dpa

Selbst wenn man den FC Schalke 04 nicht mag (was in einer Stadt im östlichen Ruhrgebiet durchaus zum guten Ton gehören soll) – irgendwie muss man diesen Verein einfach liebhaben. Kein Klub der Fußball-Bundesliga bedient das Gemüt so verlässlich wie die Schalker, nirgends geht es gefühliger zu als in Gelsenkirchen. Das war auch am Wochenende wieder so, als die Anhänger in der Arena ihrem verflossenen Helden Gerald Asamoah, der inzwischen in Fürth unter Vertrag steht, einen triumphalen Abgang vom Feld bereiteten. Dass die eigene Mannschaft sich zur selben Zeit gegen den Tabellenletzten sichtlich quälte – egal. Man muss Prioritäten setzen.

In dieser einen Szene steckte eigentlich fast alles, was die Probleme der Schalker erklärt: Der Klub besitzt einen tiefen Hang zur Emotionalität und einen extrem rückwärtsgewandten Blick auf den Fußball. Der Macht der Geschichte kann sich in Schalke niemand entziehen.

Seit nunmehr 55 Jahren warten die Schalker auf einen Meistertitel. Mit jedem weiteren Anlauf wächst die Sehnsucht, und das macht den Klub anfällig für die vermeintlich einfachen Lösungen. Der ungesunde Wankelmut offenbart sich beim Blick auf die jüngsten vier Trainerverpflichtungen der Schalker: Auf den Schleifer Magath folgte der Konzepttrainer Rangnick folgte der Traditionalist Stevens folgte der Berufsanfänger Keller.

Diese abrupten Strategiewechsel fallen ebenso in die Verantwortung des Sportdirektors Horst Heldt wie die patchworkartige Transferpolitik dieser Saison. Als kühler Stratege hat sich Heldt bisher jedenfalls noch nicht hervorgetan. Gerade den aber benötigt der Verein mit seinem ausgeprägten Hang zur Folklore. Nicht zuletzt als Gegengewicht zum Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies. Das Vereinslied fehlerfrei und lauthals mitzusingen, wie es Tönnies bei öffentlichen Anlässen gerne tut, ist eben kein Ausweis sportlicher Kompetenz. Auch wenn mancher das bei Schalke immer noch glauben mag.

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