Kommentar : Unter null

Generationswechsel bei Hertha: Stefan Hermanns über das schwierige Erbe für Michael Preetz.

Stefan Hermanns

Wie Vater und Sohn sind Dieter Hoeneß und Michael Preetz nie gewesen; aber wenn Preetz jetzt die sportliche Leitung bei Hertha BSC übernimmt, dann hat das auch etwas von einem Generationswechsel in einem Familienbetrieb. Der Patriarch, der das Unternehmen erst zu dem gemacht hat, was es ist, tritt widerwillig ab, während sein Nachfolger nach all den Jahren des Wartens endlich zeigen will, was er kann – und dass er es vor allem besser kann als sein Vorgänger. Für Michael Preetz wird das alles andere als ein leichter Job.

Sechs Jahre hat Preetz mehr unter als neben Dieter Hoeneß gearbeitet; anfangs durfte er kaum mehr, als die Beziehungen zu den Partnerstädten pflegen, Fanklubs besuchen und Trainingslager organisieren. Jetzt trägt Preetz die volle sportliche Verantwortung. Eine Einarbeitungszeit bekommt er nicht: Schon in etwas mehr als zwei Wochen beginnt die Vorbereitung auf die neue Saison, Herthas Kader aber steht erst in Bruchstücken. Preetz muss auf die Schnelle eine Mannschaft zusammenstellen, die besser sein soll als die der vorigen Saison – und er darf dafür nicht nur kein Geld ausgeben, er muss sogar noch welches einnehmen.

Michael Preetz legt sich nicht ins gemachte Bett, er fängt auch nicht bei null an, sondern weit darunter. Auch das ist eine Hinterlassenschaft des Dieter Hoeneß, der gerne das große Rad gedreht hat – ohne Rücksicht auf finanzielle Verluste. Die Gestaltungsmöglichkeiten des neuen Managers sind daher begrenzt, und daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern.

Niemand muss Preetz deswegen bemitleiden: Er wollte diesen Job. Und er wollte ihn bei Hertha. Mildernde Umstände angesichts der Rahmenbedingungen wird es für ihn nicht geben. Preetz braucht Erfolge – nicht nur um sich von Dieter Hoeneß zu emanzipieren, sondern auch um sein Profil zu schärfen. Er muss jetzt beweisen, dass er nicht nur ein Transferabwickler für Lucien Favre ist. Der Schweizer besitzt im Moment so viel Macht wie kein Hertha-Trainer vor ihm. Schon aus eigenem Interesse wird Michael Preetz die Balance in Herthas sportlicher Führung neu austarieren müssen. Die Unterstützung des Präsidiums ist ihm dabei gewiss. Einen Alleinherrscher hat es bei Hertha schließlich lange genug gegeben.

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