Kommentar : Vom Innehalten

Noch wird getrauert. Benedikt Voigt über eine Zäsur in der Sportberichterstattung.

Benedikt Voigt

Bosnien gegen Portugal in der WM-Qualifikation, ist das wichtig? Michael Phelps beim Schwimm-Weltcup in Berlin, ist das wichtig? Eine Mitgliederversammlung beim Zweitligisten 1. FC Union, ist das wichtig? Diese Einordnung mussten wir nun treffen, und sie ist uns nicht leicht gefallen. Denn nach Robert Enkes Tod wirken all die anderen Geschichten und Nachrichten aus der Welt des Sports, die uns sonst täglich in Atem halten, plötzlich unbedeutend und nichtig.

Aber wir machen uns auch nichts vor. Es wird die Zeit kommen, in der wir wieder artikellang ein nicht gegebenes Foul in der Fußball-Bundesliga diskutieren werden. Wir werden tagelang darüber streiten, ob der Ball nun hinter oder vor der Torlinie aufgekommen ist. So ist es immer gewesen nach Tragödien im Sport, sei es nach der Terror-Tragödie bei den Olympischen Spielen 1972, der Katastrophe im Heysel-Stadion oder Ayrton Sennas tödlichem Unfall in der Formel 1. Und so wird es wieder kommen.

Das ist nicht verkehrt, denn der Sport und das Leben gehen nach Robert Enkes Tod weiter. Welche Auswirkungen seine persönliche Tragödie auf den Fußball haben wird, lässt sich noch nicht vorhersagen. „Hoffnung ist die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“, schreibt Enkes Witwe in ihrer Traueranzeige.

Noch aber wird innegehalten. Auch, weil der Deutsche Fußball-Bund mit der Absage des Länderspiels eine richtige Zäsur gesetzt hat. Noch wird getrauert. Wie lange, darf man niemandem vorschreiben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar