Kommentar : Was wirklich behindert

Behinderte, die als Bettler oder Müllsammler arbeiten, mussten Peking Anfang Juli verlassen. Die Olympia-Organisatoren wollten der Welt eine saubere Stadt präsentieren. Erst seit knapp einer Woche sind Behinderte wieder erwünscht – aber nicht alle.

Benedikt Voigt[Peking]
Rolli
Noch kein normales Bild in China. Nichtbehinderte und Behinderte nebeneinander.Foto: Frank Breidert

Wer sich als behinderter Athlet, Funktionär oder Tourist in Peking aufhält, genießt in diesen Tagen eine Vorzugsbehandlung. Bereits am Flughafen warten Helfer, um Rollstühle über Rampen zu schieben, oder Taxifahrer, um die Gäste auf ihren Sitz zu heben. Anlässlich der am Sonnabend eröffneten Paralympischen Spiele zeigt Peking sein behindertenfreundliches Gesicht. Noch nie zuvor hat ein Olympiagastgeber die Spiele der körperlich Behinderten so ernst und wichtig genommen. Fast ohne Unterlass zeigen Fernsehen und Zeitungen behinderte Sportler und ihre Sportarten. Die Botschaft lautet: China ist nicht nur großartig, sondern auch sozial, es kümmert sich um seine Behinderten. Das stimmt allerdings nicht.

Der Status der 83 Millionen Behinderten in der chinesischen Gesellschaft lässt zu wünschen übrig. Rund 43 Prozent können weder lesen noch schreiben, weil sie nie eine Schule besucht haben. Neun Millionen sind laut offizieller Statistik arbeitslos. Weil sie in der Öffentlichkeit erniedrigt und diskriminiert werden, verstecken sich viele in ihren Wohnungen. Andere müssen betteln oder sich mit niedrigen Beschäftigungen durchschlagen. Die chinesische Propaganda von der behindertenfreundlichen Gesellschaft ist falsch – und trotzdem wichtig. Denn auf diese Weise rückt eine lange vernachlässigte Bevölkerungsminderheit endlich in die Öffentlichkeit. Zum ersten Mal sind behinderte Menschen präsent: Nicht als Müllsammler, Bettler oder Masseure – sondern als Fußballer, Weitspringer oder Bogenschützen.

Erstmals sind behinderte Menschen in China präsent

Das ist die große humanistische Leistung der Paralympischen Spiele. Sie definieren Menschen nicht darüber, welches Körperteil nicht funktioniert. Stattdessen zeigen sie, zu welch großartigen Leistungen auch unvollständige menschliche Körper fähig sind. Ihre Leistungen unterscheiden sich teilweise nicht von denen nicht- behinderter Athleten. Das haben die beinamputierte Schwimmerin Natalie du Toit oder die einarmige Tischtennisspielerin Natalia Partyka bewiesen, als sie an den Olympischen Spielen teilgenommen haben. Jetzt werden sie auch bei den Paralympics dabei sein.

Noch nie gab es so viele Sportarten, noch nie so viele Teilnehmer, noch nie so viele Journalisten. Es geht bei diesen Spielen nicht mehr allein um gesellschaftliche Anerkennung von Behinderten, sondern um das Ausreizen von sportlichen Grenzen. Hightech-Prothesen, Leichtgewicht-Rollstühle oder Sponsoren-Akquise spielen eine immer wichtigere Rolle. Doping übrigens auch. Gleichzeitig sind es immer noch Spiele für lupenreine Amateure wie für die 69-jährige Goalball-Oma Emilie Gradisek aus Slowenien.

In China haben die Paralympischen Spiele vor allem ihre ursprüngliche Aufgabe behalten. Sie dienen der Integration Behinderter und können einen selbstverständlicheren Umgang mit ihnen lehren. Ob das gelungen ist, wird sich erst ab Oktober zeigen. Wenn viele Behinderte wieder zurück dürfen nach Peking.

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