Kommentar : Wo der Wille zu Hause ist

Werner van Bebber über die Schönheit des Gewichthebens.

Olympische Sommerspiele 2008
Wenn alles geschafft ist. Matthias Steiner bejubelt Gold.Foto: AFP

Gewichtheber sind angeblich schlimmere Doper als Radfahrer – es interessiert nur keinen, weil sich kaum jemand in Deutschland für das Gewichtheben interessiert. Matthias Steiner hat das geändert, zumindest für einen Tag. Gold hat er jedenfalls gewonnen.

Er ist vom Kaliber des letzten deutschen Goldmedaillen-Gewinners Ronny Weller: mehr als 140 Kilogramm schwer, aber nicht so michelinmännchenhaft geformt. Und da ist die rührende Geschichte von Steiners tödlich verunglückter Frau, die er sich als Engel vorstellt, wenn er mehr als 200 Kilo in die Höhe reißt.

Warum machen Männer das? Mit Ästhetik hat die Eisenheberei nichts zu tun. Gewichtheber brauchen enorme Beine und Bauchmuskeln, um den Innendruck auszuhalten, enorme Rückenmuskeln und Schultern, einen gigantischen Nacken, kräftige Arme, starke Hände. Die Hantelstange, die man nicht hochbekommt, reißt einem die Finger auseinander.

Der einsame Heber steht auf der Bühne. Sein Blick geht dorthin, wo der Wille zuhause ist. Er fasst die Hantelstange, reißt sie hoch – sie scheint zu fliegen, zwingt ihn in die Hocke. Aber der Mann hält die 250 Kilo, legt sie auf seiner Brust ab. Ein Moment unwirklicher Ruhe. Dann steht er auf, drückt sie über den Kopf, leise stöhnend oder schreiend – und gnade ihm der eiserne Gott aller Schwerathleten, wenn er das Gewicht nicht kontrollieren kann.

Darum machen Männer das: Wenn alles geschafft ist, ist eine Leichtigkeit in ihren Gesichtern zu sehen, die etwas von Erlösung hat. So wie gestern im Gesicht von Matthias Steiner.

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