Kommentar : Zu wenig Gegenwart bei Hertha

Die Überraschung als einzige Konstanz: Stefan Hermanns über den Absturz von Hertha BSC - der kein Zufall ist.

Stefan Hermanns

Eines muss man Hertha lassen. Die Mannschaft zeichnet sich durch eine erstaunliche, sogar saisonübergreifende Konstanz aus: Die Berliner waren und sind die Überraschung der Fußball-Bundesliga, mit dem kleinen, aber nicht unwesentlichen Unterschied, dass sie in der vergangenen Saison die positive Überraschung waren und in dieser die negative: vom ernsthaften Anwärter auf den Meistertitel innerhalb von vier Monaten ungebremst in die Abstiegszone – das muss man erst mal hinbekommen.

Der zu Übertreibungen neigende Boulevard schürt nach vier Niederlagen hintereinander bereits die Angst vor dem Abstieg. Das ist in dieser Phase der Saison sicher übertrieben; eine gewisse Sorge, zumindest Vorsicht, kann allerdings nicht schaden, vor allem wenn man sich anschaut, gegen wen Hertha verloren hat: gegen Mönchengladbach, Vorjahresfünfzehnter und Fastabsteiger; gegen Bochum, Vorjahresvierzehnter und Fastabsteiger, gegen Mainz, Aufsteiger und für viele Absteiger Nummer eins. All diesen Gegnern wähnten sich die Berliner zum Teil deutlich überlegen, mit Bremen sahen sie sich auf gleicher Höhe.

Die statistische Häufung spricht dagegen, dass Herthas Niederlagen ein zufälliges Phänomen sind. Vier von fünf Spielen zu verlieren ist genauso wenig zufällig, wie 14 Spiele mit nur einem Tor Unterschied zu gewinnen. Hertha hat sich derartige Unterstellungen in der vorigen Saison verbeten. Zu Recht. Ihre vielen knappen Erfolge waren das Ergebnis von Qualität – auch individueller Qualität, die im Zweifel den Eintoresunterschied ausmacht. Diese Qualität fehlt den Berlinern in diesem Jahr.

Der Saisonstart hat gezeigt, dass die Struktur in Herthas Kader nicht stimmt. Es steckt zu viel Zukunft darin und zu wenig Gegenwart. Trainer Lucien Favre hat sich zu sehr auf Spieler gestürzt, die vor allem entwicklungsfähig und formbar sind, damit er sie auf Systemtauglichkeit trimmen kann. Das ist nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch der Einstellung.

Herthas Kader fehlt die Alltagstauglichkeit, es mangelt an gestandenen Bundesligaspielern, am fußballerischen Mittelbau. Auch deshalb kann Florian Kringe, der jahrelang nicht mehr als anständig seinen Job erledigt hat, in Berlin zum Hoffnungsträger aufsteigen. Viele haben seine Verpflichtung nicht verstanden, weil Hertha im Mittelfeld die geringsten Probleme hatte. In Wirklichkeit war sie der verzweifelte Versuch, ein wenig Solidität in die Mannschaft zu bekommen.

Kringe wird Hertha jetzt erst einmal zwei Monate fehlen. Gleich bei seinem ersten Einsatz hat er sich den Mittelfuß gebrochen. Man kann das für einen blöden Zufall halten, für großes Pech. Oder aber für ein böses Zeichen.

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