Kommerz im Fußball : Aufstand gegen die Sonntagsspiele

Der Amateurfußball demonstriert gegen den DFB. Viele Klubs fürchten wegen der Sonntagsspiele der Bundesliga um ihre Existenz. Wieviel Kommerz verträgt der deutsche Fußball?

Robert Ide[Düsseldorf]

Norbert Bauer weiß schon, wie es kommen wird. An irgendeinem Sonntagnachmittag wird der Vereinsvorsitzende einmal die Anlage seines SSV Buer aufschließen und feststellen, dass „nicht mal jemand da ist, der den Grill anwirft“. An jenem Sonntagnachmittag nämlich wird sich Bauers Fußball-Landesligist im Ruhrgebiet einer übermächtigen Konkurrenz stellen müssen: dem FC Schalke 04. Die etwa 200 Zuschauer, die sonst zum SSV Buer kommen, werden in die Großarena von Gelsenkirchen pilgern, selbst mancher Amateurfußballer mit Schalke-Dauerkarte wird lieber seine Vorbilder sehen wollen beim neuen Topspiel der Bundesliga. Anpfiff: sonntags um 15.30 Uhr. „So wird der Amateurfußball von oben kaputt gemacht“, findet Bauer. Er ist nicht der Einzige, der das so sieht.

Die Revolution von unten wird heute erstmals den Deutschen Fußball-Bund (DFB) erreichen. Eigentlich wollte der Verband auf seiner Vollversammlung in Düsseldorf in Ruhe dem neuen Grundlagenvertrag mit der Deutschen Fußball-Liga zustimmen. Doch der sieht vor, dass ab kommender Saison bis zu drei Bundesligaspiele sonntags stattfinden, eines davon in der Kernspielzeit der Amateurvereine. Seit Monaten protestieren die Betroffenen vor allem im Fußballkernland Nordrhein-Westfalen gegen den Plan, sogar ein Streik war angesetzt und konnte vom westfälischen Verband nur mittels der Verlegung eines kompletten Spieltags verhindert werden. Nun ist die erste gemeinsame Großdemonstration geplant – direkt am Kongresszentrum in Düsseldorf. „Wir wollen uns endlich beim DFB Gehör verschaffen“, sagt Bauer, macht sich aber über die Macht der Amateure keine Illusionen. „Die Herren mit den Dollarzeichen in den Augen werden unsere Forderungen sowieso in die nächste Mülltonne werfen.“

Theo Zwanziger empfindet diese Sicht als ungerecht. „Ich bin doch nicht der Totengräber des Amateurfußballs“, empört sich der DFB-Präsident am Telefon, und auch in seiner Stimme liegt Wut. Die auf Druck des Bezahlfernsehens neu justierten Spielzeiten der Bundesliga hält er für alternativlos. „Wir können nicht wegen eines Sonntagspiels die Einheit des Fußballs aufs Spiel setzen“, sagt Zwanziger, für den die Debatte auch eine persönliche Dimension hat. Schließlich war er einst als Mann des Amateurfußballs zum DFB-Präsidenten aufgestiegen.

Wie viel Kommerz verträgt der Fußball? Diese Frage beschäftigt immer mehr Fans, die in den Stadien seit Jahren vergeblich gegen die Zerstückelung der Bundesliga-Spieltage protestieren. Nun gelangt das Thema mithilfe der ehrenamtlich geführten Amateurvereine, die sich mit sinkenden Sponsoreneinnahmen und erhöhten Meldegeldern für ihre Mannschaften herumschlagen müssen, bis an die Spitze des größten Fußballverbandes der Welt. Eines Verbandes, der mit der Nationalelf und der Bundesliga sein Geld verdient. Und der bei Vereinen wie dem SSV Buer seinen Nachwuchs rekrutiert. „Der Fußball ist eben ein Spiegelbild der Gesellschaft“, sagt Norbert Bauer, und in seiner Stimme hat die Resignation über die Wut gesiegt. „Gegen das Geld hast du keine Chance.“ Ein halbes Jahr lang hat der 59-Jährige protestiert, argumentiert und organisiert. Die Demonstration in Düsseldorf wird auch so etwas wie ein Abschied für ihn sein.

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