Sport : Kommt Zeit, kommt Titel

Die EM-Vorbereitung der Nationalmannschaft war nicht optimal – Joachim Löw verbittet sich jede Debatte um einen Finalsieg.

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Joachim Löw verfügt offensichtlich über die Fähigkeit, sich seiner Umgebung schnell und ohne größere Komplikationen anzupassen. Die vergangenen zehn Tage hat Löw mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Frankreich verbracht, im Land der Tour de France und der anhaltenden Radsportbegeisterung, und als Löw die bisherige Vorbereitung auf die Europameisterschaft bewerten sollte, hat er diesem Umstand Rechnung getragen. „Der Prolog war gelungen, die harten Etappen kommen jetzt noch“, sagte der Bundestrainer. Das war vor dem Testspiel gegen die Schweiz, das mit einer ziemlich ernüchternden 3:5-Niederlage für die Deutschen ausging. Anschließend war es mit dem allgemeinen Wohlgefühl erst einmal vorbei. Löw jedenfalls klang danach so, als hätte ihn am Aufstieg zum Mont Ventoux ein Hungerast ereilt. „Wir müssen weiter hart arbeiten, um da hochzukommen“, sagte der Bundestrainer.

Mit der Abreise aus dem Trainingslager in Tourrettes (Südfrankreich) am Mittwoch sollten die Bergetappen eigentlich hinter Löw und seinen Spielern liegen. Für die letzten Tage im EM-Quartier in Sopot bei Danzig waren allenfalls noch ein paar Mannschaftszeitfahren eingeplant. Doch bedingt durch die Umstände der Vorbereitung, die heute vor drei Wochen auf Sardinien begonnen hat, muss der Bundestrainer nun unmittelbar vor dem ersten Spiel am 9. Juni gegen Portugal noch ein bisschen improvisieren. Es waren Umstände, auf die Löw wenig Einfluss hatte. Dass die fünf Spieler von Borussia Dortmund, dass Sami Khedira und Mesut Özil von Real Madrid und vor allem die acht Bayern-Profis zum Teil erst mit deutlicher Verspätung zur Nationalmannschaft gestoßen sind, hat die Sache nicht unbedingt erleichtert. Wenn Teammanager Oliver Bierhoff trotzdem sagt, die Vorbereitung sei optimal verlaufen, weil Löw es immer wieder geschafft habe, die Nachzügler gut zu integrieren, ist das wohl eher seinem Amt als oberster PR-Beauftragter der Nationalmannschaft geschuldet.

Immerhin ist die Mannschaft anders als etwa vor der WM 2010 (Michael Ballack) von schlimmeren Verletzungen verschont geblieben. Löw hat sich auch dazu explizit geäußert: „Wir haben bei großen Turnieren kaum noch Muskelverletzungen. Das ist das Verdienst von unserem Fitnesstrainer Mark Verstegen und seinem Team“, lobt der Bundestrainer den Amerikaner mit dem markanten Bürstenhaarschnitt, der bereits bei der WM 2006 dabei war. Beim deutschen EM-Auftakt gegen Portugal wird Verstegen allerdings schon wieder in den USA sein, denn nach einer letzten Trainingseinheit am heutigen Freitagvormittag ist sein Dienst bei der DFB-Auswahl vorerst beendet. „Die Spieler haben die nötige Fitness für das Turnier“, sagt er.

Allerdings gibt es wichtige Spieler, die noch nicht auf dem nötigen körperlichen Niveau für ein großes Turnier sind. Das betrifft alle drei Mannschaftsteile: Per Mertesacker in der Abwehr, Bastian Schweinsteiger und Mario Götze im Mittelfeld sowie Miroslav Klose im Sturm. Schweinsteiger, vielleicht die Schlüsselfigur in Löws Team, hat in Tourrettes wegen eines Blutergusses in der Wade nur einmal mit der Mannschaft trainieren können, er sollte auch beim gestrigen Testspiel gegen Israel (bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet) nicht auflaufen. Der Münchner hat ohnehin große Teile der Saison wegen Verletzungen verpasst und wird in den wenigen Tagen bis zum ersten Gruppenspiel körperlich noch einiges aufholen müssen.

Für den Rest des Teams steht dann vor allem die mannschaftstaktische Feinabstimmung an, die bisher mangels Schlüsselspielern ein bisschen zu kurz gekommen ist. „Die alles entscheidende Woche wird die in Polen sein“, sagt Joachim Löw. „Sie wird uns die letzten Aufschlüsse geben.“ Wie meistens in der Vergangenheit wird das intensive Studium von Standardsituationen auch diesmal wieder weitgehend ausfallen. Aber dieses Thema stand bei Löw ohnehin noch nie auf der ersten Seite seiner Agenda. „Ich habe andere Prioritäten“, sagt er. „Wir wollen unsere Tore aus anderen Situationen erzielen.“

Am Mittwoch, im Abschlusstraining vor dem Israel-Spiel, hat der Bundestrainer Offensivspielzüge trainieren lassen: aus der Abwehr in den Angriff, mit hohem Tempo und hoher Intensität. Die verteidigenden Mittelfeldspieler sollten eigentlich nur die Räume zustellen und ein bisschen Defensivarbeit vortäuschen. Doch die beiden Münchner Thomas Müller und Toni Kroos machten sich einen Spaß daraus, den Pass in die Spitze schon im Ansatz zu unterbinden. Kaum ein Ball kam an ihnen vorbei. Immer wieder endeten die Angriffe an der ersten Linie. Von Frust über das verlorene Champions-League-Finale war bei den Münchnern nichts mehr zu spüren. „Die Bayern-Spieler sind alle gut drauf“, sagt Joachim Löw. „Alle schauen nach vorne und sind im Training mit Freude und voller Begeisterung dabei.“ Das ist schon mal weit mehr, als viele vor einer Woche erwartet haben.

Schließlich äußerte sich Löw am Schluss der ersten Vorbereitungsphase in gewisser Weise auch noch „politisch“. Dabei ging er auf die Frage ein, ob Deutschland Europameister werden müsse. Löw dazu: „Ich finde es erschreckend, wenn es heißt, sie müssen das. Wenn man von müssen redet, gewinnt man gar nichts.“ Vielleicht haben die Spieler erst in zwei oder vier Jahren ihren absoluten Zenit erreicht, findet Löw. „2012 ist nicht das Alles-oder-nichts-Jahr im deutschen Fußball.“ Gleichzeitig hat Löw den Titelgewinn innerhalb der Mannschaft zum Tabu-Thema erklärt. Dass die Profis selbst immer wieder vom EM-Triumph gesprochen haben, war dem Trainer ein Dorn im Auge.

„Diese Äußerungen sind ab sofort nicht mehr zu hören, weil ich es nicht für richtig halte, von Gegnern, die es vielleicht gar nicht gibt, zu sprechen“, sagte Löw: „Jetzt vom Halbfinale oder Finale zu sprechen, ist tödlich bei einem Turnier.“ Der Coach heizte zudem den Konkurrenzkampf an. „Ich will bei allen sehen, dass sie kämpfen und wissen, dass die Plätze nicht für das ganze Turnier vergeben sind“, meinte Löw, der nach eigenen Angaben noch keine Entscheidung über die Stammplätze im Sturm und im Mittelfeld getroffen hat: „Ich will den Konkurrenzkampf bis zum Schluss sehen.“

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