Konferenz zum Frauenfußball : Kopfball trifft Kopftuch

Bei der Konferenz zur Zukunft des Frauenfußballs prallen alte und neue Welt aufeinander. Alles dreht sich um die zentralen Fifa-Fragen: Wie kann der Fußball weiter wachsen? Und wie kann man damit Geld verdienen?

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Alter Mann bei den Frauen. Joseph Blatter umgarnt die Delegierten beim Frauenfußballkongress, kann sich aber einen Herrenwitz nicht verkneifen. Foto: dpa
Alter Mann bei den Frauen. Joseph Blatter umgarnt die Delegierten beim Frauenfußballkongress, kann sich aber einen Herrenwitz...Foto: dpa

Gerhard Mayer-Vorfelder beißt in sein Mandelhörnchen und schaut den Turban an. Oder ist es ein kunstvoll gebundenes Kopftuch, das die knallrot gekleidete Frau aus Lesotho am Stehtisch neben ihm trägt? Wo liegt eigentlich Lesotho? Mayer-Vorfelder nimmt noch einen Bissen, eine junge Kanadierin in Flip-Flops schlappt vorbei, Gespräche in dutzenden Sprachen schwirren durch den Konferenzraum. In der Kaffeepause des fünften Frauenfußball-Symposiums des Weltverbands Fifa trifft die alte Welt des Fußballs auf die neue. Früher war der Klub der Funktionäre eine Versammlung alter Männer – zumindest an diesem Wochenende in Frankfurt am Main hat es den Anschein, als würde sich das ändern. Der 78 Jahre alte Mayer-Vorfelder, langjähriger Präsident des Deutschen Fußball-Bunds, wirkt in seinem schwarzen Anzug mit Einstecktuch zwischen den vielen farbenprächtigen Gewändern wie ein Fremdkörper. 550 Delegierte aus fast allen der 208 Mitgliedsverbände sind in ein Hotel nahe des Frankfurter Flughafens gekommen, zweieinhalb Tage wird diskutiert, es geht um den bekannten Fifa-Zweiklang: Wie kann der Fußball weiter wachsen? Und wie kann man damit Geld verdienen?

Der Konferenzsaal ist fast voll, was vorne auf dem Podium geschieht, wird in den Dolmetscherkabinen am Ende des Raums in sechs Sprachen übersetzt. Es geht um Strukturen und Märkte, um Ligen und Nationalmannschaften, um Probleme und Erfolge. Es geht um eine Welt, in der Frauen in manchen Ländern überhaupt nicht gegen den Ball treten dürfen und andere beim Kicken von Hubschrauberkameras gefilmt werden. 29 Millionen Frauen und Mädchen spielen mittlerweile weltweit Fußball, alle im Raum wünschen sich, dass es noch mehr werden. Auch die englische Nationaltrainerin Hope Powell, die neben ihrer kanadischen Kollegin Carolina Morace Platz genommen hat. „Es geht darum, Ideen auszutauschen“, sagt Powell. „Dieses Treffen hilft den Verbänden, sich zu verbessern. Auch wir haben irgendwann mal klein angefangen.“

Hope Powell hat ihre Mannschaft ins WM-Viertelfinale geführt, Faleupolu Naomi Oneys Spielerinnen sind noch zu schlecht, um überhaupt in der Weltrangliste geführt zu werden. Die kleine dunkelhäutige Frau mit den leicht ergrauten Haaren hatte vielleicht die weiteste Anreise aller Teilnehmer der Konferenz, ihr Namensschild weist sie als Frauenfußball-Beauftragte Amerikanisch-Samoas aus. „Sie können ruhig Naomi sagen, das Faleupolu lassen wir weg“, sagt sie fröhlich. Sie ist begeistert vom Gedankenaustausch mit ihren Kolleginnen und Kollegen: „Ich werde so viele Ideen mit nach Hause nehmen.“ Rund 1000 Frauen in dem ozeanischen Inselstaat spielen Fußball, fast die Hälfte sind Kinder und Jugendliche. Ein Frauen-Nationalteam gibt es in Amerikanisch-Samoa erst seit 2007, Oneys Tochter könnte bald dazugehören, im Moment spielt sie in der U-20-Auswahl. Die ersten Länderspiele haben Naomi Oney stolz gemacht, auch wenn sie in der Regel 0:8 oder 0:9 ausgingen. „Als wir das erste Mal in einem Länderspiel nur ein Gegentor bekommen haben, habe ich gejubelt“, sagt Oney. Das Spiel ging trotzdem verloren, 0:1 gegen Papua-Neuguinea.

Bessere Aussichten. Diese Fußballerinnen aus Kamerun dürften ihre Zukunft in der Heimat nicht positiv gesehen haben. Sonst hätten sie sich nicht während eines Turniers in Berlin abgesetzt. Foto: dapd
Bessere Aussichten. Diese Fußballerinnen aus Kamerun dürften ihre Zukunft in der Heimat nicht positiv gesehen haben. Sonst hätten...Foto: dapd

Wenn sie wieder zuhause ist, will Oney – wie von einem der Redner empfohlen – Grundschulen besuchen, um Mädchen möglichst früh für den Fußball zu begeistern. Das tun auch die Verbände, für die Frauenfußball längst selbstverständlich ist. Den Vertretern aus den USA, Deutschland oder Schweden muss niemand mehr erklären, dass Frauen ein Recht haben, Fußball zu spielen. Deswegen geht es bei der Konferenz auch um Einschaltquoten und Marketingstrategien. Der Fernsehchef der Fifa verkündet, nie habe eine reine Frauen-Sportveranstaltung weltweit so viele Haushalte erreicht, nie sei das Produkt Frauenfußball brillanter in Szene gesetzt worden. Auf dem Podium diskutieren Vertreter von ZDF, Eurosport, der schwedischen Station TV4 und dem amerikanischen Sportsender ESPN darüber, wie man den WM-Boom nutzen kann. Sie sind sich einig: Die Qualität der nationalen Ligen muss steigen, damit sich die Zuschauer auch zwischen den großen Turnieren für Frauenfußball interessieren.

Die nächste Gesprächsrunde beschäftigt sich mit dem Thema Sponsoring. Auch hier prallen Welten aufeinander. Neben dem „Head of Global Football“ bei Adidas sitzt ein junger Mann aus Paraguay und berichtet, wie er händeringend versucht, Sponsoren für die Frauenliga seines Landes zu finden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Liga nur aus zwei Mannschaften besteht. Der Paraguayer beschreibt, wie er potentielle Geldgeber mit E-Mails bombardiert, seine Ausführungen geraten etwas langatmig, die Aufmerksamkeit des Publikums sinkt. Eine Haitianerin weckt alle wieder auf. Sie sei Trainerin und Ärztin, berichtet die Frau. Dann hält sie eine flammende aber völlig wirre Lobrede auf den Frauenfußball, auf seine Selbstvertrauen gebende Kraft für Mädchen, seine Schutzwirkung gegen Osteoporose, besonders in den Wechseljahren. Das Plädoyer hat mit Sponsoring nichts zu tun, hebt aber die Stimmung im Saal.

Gerhard Mayer-Vorfelder hat in der nächsten Pause Zeit für ein kurzes Gespräch. Hinter ihm läuft ein graubärtiger Rastafari von den Grenadinen vorbei, gefolgt von einem korpulenten Nigerianer in einem grünlich schimmernden Anzug, der bei jedem Schritt geheimnisvoll knistert. Elf Jahre saß Mayer-Vorfelder im Exekutivkomitee, dem wichtigsten Gremium des Weltfußballs. Jetzt steht auf seinem Namensschild „Guest“, eine offizielle Position bei der Fifa hat er nicht mehr. Der 78-Jährige hat registriert, wie sich der Weltverband dem Frauenfußball immer intensiver widmet. „Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass die Frauen in der Fifa anfangs belächelt wurden“, sagt Mayer-Vorfelder. Er selbst habe sich aber immer sehr für den Frauenfußball eingesetzt, „deswegen interessiert mich jetzt auch, wie er sich weiter entwickelt“. Als Oberfan wie sein Nachfolger Theo Zwanziger ist er allerdings nie aufgefallen.

Am Sonntagmorgen um kurz vor elf Uhr erheben sich die Delegierten, um Joseph Blatter zum Abschluss der Konferenz mit viel Applaus im Saal zu empfangen. Der Präsident der Fifa hält eine launige Ansprache, hier fragt niemand nach Korruptionsvorwürfen und gekauften Wahlen. Er lässt seinen Charme spielen, der 75-Jährige weiß, wie man ein Publikum umgarnt. „Eines Tages wird es bei der Fifa eine Präsidentin geben“, ruft der Schweizer, macht eine kurze Kunstpause und reibt sich schmunzelnd die Hände. „Aber bitte nicht in den nächsten vier Jahren.“ Die Frauen seien das Zentrum der Familie, erklärt Blatter und richtet sich an die weiblichen Delegierten: „Bitte seien sie auch das Zentrum der Fifa-Familie.“

Aber Blatter wäre nicht Blatter, wenn er in seine Schmeicheleien nicht eine kleine Anzüglichkeit einbauen würde. Sehr fair sei diese WM gewesen, sagt er anerkennend, Frauen würden nach Fouls viel schneller aufstehen als männliche Fußballer. „Bei den Frauen wird nicht simuliert“, sagt Blatter lächelnd, auf den Orgasmus-Gag hat er sich gefreut. „Zumindest nicht auf dem Rasen.“ Da ist sie wieder, die alte Welt des Fußballs.

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