Sport : Konfetti im Norden

Flensburg-Handewitt schlägt Kiel im Spitzenspiel der Handball-Bundesliga 32:27 und steht vor der ersten Meisterschaft

Erik Eggers

Flensburg. Nach der Sirene zum Schluss regnete es Konfetti von der Decke der seit Monaten ausverkauften Flensburger Campushalle. Die Profis der SG Flensburg-Handewitt tanzten im Kreis, und die 6 000 Zuschauer, die schon seit Minuten applaudierend auf ihren Plätzen gestanden hatten, tobten und jubelten noch einmal lauter nach diesem Atem beraubenden Handballspiel.

Überraschend deutlich mit 32:27 (17:12) gewann der Gastgeber das Bundesliga-Spitzentreffen gegen den Tabellenzweiten THW Kiel, den ewigen Konkurrenten, der zuvor zehn Mal in Serie in der Liga gewonnen hatte. Mit diesem Sieg baute der Spitzenreiter seinen Vorsprung vorentscheidend aus: Fünf Spieltage vor Saisonende hat der nun der ärgste Verfolger, der SC Magdeburg, der sein Spiel gegen den TV Großwallstadt 28:25 (17:14) gewann, drei Minuspunkte mehr auf dem Konto. Kiels Trainer Noka Serdarusic hat die Meisterschaft bereits abgehakt: „In diesem Jahr kann kein anderer Meister werden als die SG.“

Es wäre die erste Meisterschaft nach fünf zweiten Plätzen. Das Leverkusen des Handballs hätte den schwer lastenden Fluch des „ewigen Zweiten“ endgültig vertrieben.

Den begeisterten Fans wurde von Beginn an Hochgeschwindigkeitshandball geboten. Schnell ging der Gastgeber mit 4:1 (6.) und 11:7 (19.) in Führung, weil sich vor allem der Kieler Rückraum kaum durchsetzen konnte. Überhaupt wirkte der Gast behäbig. Europameister Christian Zeitz nahm sich viele Würfe in ungünstigen Lagen und warf damit den überragenden Flensburger Keeper Jan Holpert warm. Zwar konnte Kiel durch ein paar Tempogegenstöße noch einmal auf 10:11 verkürzen (22.), aber dann zog Flensburg davon und führte nach 30 Minuten verdient mit 17:12. Dabei gelangen Linksaußen Lars Christiansen und den Kreisläufern Andrei Klimovets und Jonny Jensen sehenswert herausgespielte und abgeschlossene Tore.

Gefährlicher Rückraum

In der zweiten Halbzeit erlaubte sich das Team des schwedischen Trainers Kent-Harry Andersson keine Schwächephase mehr, selbst nicht im Unterzahlspiel. Über 19:14 (35.) zog das homogene Team auf 26:19 (45.) davon, und spätestens nach dem 28:22 (52.) war das Spiel entschieden. Den Flensburgern kam speziell ihre Ausgeglichenheit zugute: Vor allem die Rückraumspieler Lijewski, Boldsen und Jeppesen entwickelten Torgefahr. Ein Mannschaftsteil, der in der kommenden Saison mit der am Karfreitag bekannt gegebenen Verpflichtung des norwegischen Nationalspielers Glenn Solberg noch stärker werden dürfte.

Kiel war dagegen auf sein exzellentes Kreisläuferspiel (Lövgren und Ahlm) angewiesen. Und Flensburg konnte sich auf seine defensive 6:0-Deckung verlassen. „Wir haben dieses Spiel in der Abwehr gewonnen“, sagte Trainer Andersson, und sein Kieler Kollege Serdarusic assistierte: „Unser Angriff war heute zu schwach.“ Vor allem die Außenspieler hatten ihn „sehr enttäuscht“.

Kiels Christian Zeitz hatte noch andere Ursachen ausgemacht. „Wir waren nicht motiviert genug, was eigentlich bei einem solch wichtigen Spiel undenkbar ist“, sagte der 23-Jährige, der sich selbst dabei nicht ausnahm. Er hatte einen schwarzen Tag erwischt. Die Gegner aus Flensburg hingegen seien „richtig heiß gelaufen“.

THW-Manager Uwe Schwenker hatte schon vor dem Spiel eine „zu lockere Atmosphäre“ wahrgenommen. In der Tat schienen die Kieler nicht zu allem entschlossen. Dass die deutsche Meisterschaft auf dem Spiel stand, war ihnen nicht anzumerken. Die letzte Aggressivität jedenfalls fehlte.

Über den Titel zu sprechen, fiel den Flensburgern allerdings selbst nach diesem großen Sieg schwer. „Wir haben noch zehn Punkte auszuspielen“, warnte Joachim Boldsen, den sie in Flensburg seiner Bulligkeit wegen „Traktor“ nennen. Auch Trainer Andersson weigerte sich, die vorzeitigen Glückwünsche anzunehmen: „Ich sage jetzt nicht, dass wir die Meisterschaft sicher haben.“ Angesichts der sensationellen Leistung seines Teams wollte ihm das keiner abnehmen.

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