Sport : Kontinuität im Wandel

Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Huub Stevens und Frank Neubarth

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Von Richard Leipold

Gelsenkirchen. In Rudi Assauers Augen war Huub Stevens fast sechs Jahre lang der „Beste für Schalke“. Kurz bevor der Fußballlehrer Abschied nahm, hat der Manager den Superlativ noch einmal gesteigert. „Huub ist der beste Trainer, den ich je kennen gelernt habe“, sagte Assauer. Inzwischen arbeitet der Beste für Hertha BSC. An diesem Sonntag begegnet er in der Arena Auf Schalke nicht nur einem Stück der eigenen Vergangenheit, sondern auch seinem Nachfolger Frank Neubarth. Wer folgt auf den Besten? Ein noch Besserer oder nur der Erstbeste? Mit Glück und Geschick mag der Neue irgendwo dazwischen seinen Platz finden, vielleicht als erfolgreicher Nachlassverwalter. Hält er das sportliche Erbe, das Stevens hinterlassen hat, zusammen und wird am Ende seiner ersten Saison Fünfter, wäre für Neubarth viel erreicht.

Die Ära Stevens erscheint wie eine kleine Ewigkeit. Unter der Regie des Niederländers gewann Schalke drei Titel in sechs Spielzeiten und qualifizierte sich als Meisterschaftszweiter zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte für die Champions League. Stevens zeichnete in 195 Bundesligaspielen für Schalke verantwortlich; im kurzatmigen Fußballgeschäft ist zweifelhaft, ob je ein Übungsleiter wieder so einen Ausdauerwert wird erreichen können bei diesem Klub.

Der statistisch und menschlich erdrückenden Last des Erbes versucht Neubarth wie ein unbeteiligter Dritter zu begegnen. „Für die Zuschauer, für die Medien und für Huub Stevens ist es ein besonderes Spiel, das ist klar“, sagt Neubarth. Für ihn gehe es „nur um drei Punkte“. So souverän der Nachfolger bei seinem mentalen Verdrängungswettbewerb auch wirken mag: Dem unmittelbaren Vergleich mit Stevens kann er nicht entgehen – nicht vor dem Spiel Schalke gegen Hertha. Auf der einen Seite steht Stevens, der hochdekorierte Fachmann von internationalem Ruf. Auf der anderen Seite Neubarth, der Nobody, dessen wichtigste Trainerstation die Amateure von Werder Bremen waren. Hier der Perfektionist Stevens, der alles regelt und reglementiert; dort Neubarth, der den Spielern „eigenverantwortliches Handeln“ zugesteht, aber auch abverlangt; den Profis wie Möller und Sand als „lockerer und entspannter“ beschreiben.

So sehr diese Unterschiede zunächst ins Auge fallen: Hinter den Gemeinsamkeiten verblassen sie fast. Beide haben eine veritable Karriere als Spieler absolviert und als Trainer zunächst in vertrauter Umgebung Junioren geschult, Stevens in Eindhoven, Neubarth in Bremen. Als Neubarth vor einem Dreivierteljahr eingestellt wurde, war das Publikum ebenso überrascht wie im Oktober 1996, als Stevens aus Kerkrade ins Ruhrgebiet wechselte. „Den hat damals auch niemand auf dem Zettel gehabt“, sagt Assauer.

Wie einst bei Stevens, so fragen sich nun Skeptiker, ob der neue Mann sich im Schalker Schmelztiegel der Emotionen wird behaupten können. Auch Neubarth kommt spröde daher, nicht als wortreicher Selbstdarsteller, sondern als sachlicher Analytiker, der zunächst über den Charme eines Kanzleibeamten im zwanzigsten Dienstjahr nicht hinauskommt. Anfangs wurde am Schalker Markt sogar kolportiert, sein wortkarger Kollege Thomas Schaaf von Werder Bremen sei im Vergleich zu Neubarth eine „Plaudertasche“. In seinem rhetorischen Maßhalten verkörpert Neubarth ein Stück Kontinuität. Wie sein Vorgänger bildet er den kommunikativen Gegenpol zum Bauchmenschen Assauer, der in Schalke buchstäblich das Sagen hat.

Wenn es darauf ankommt, weiß Neubarth, wie Stevens, aber auch Ausrufezeichen zu setzen. Alarmiert durch eine Reihe von Verletzungen, stellte er fest, das Aufgebot sei „sicher zu klein“, Schalke brauche noch mindestens zwei Spieler von gehobener Qualität. Er wiederholte diesen Befund, bis der Klub die uruguayischen Nationalspieler Rodriguez und Varela verpflichtet hat. Und manchmal sucht Neubarth sogar den unmittelbaren Vergleich zu seinem Vorgänger. „Wenn mir hier so viel Zeit eingeräumt wird wie Huub Stevens, kann ich sicher auch einiges erreichen“, sagt er. Nach zwei Siegen in der Bundesliga macht der Manager ihm Mut. Mit Stevens sei es „eine schöne, eine gute Zeit“ gewesen, sagt Assauer. „Ich hoffe, dass Frank genauso lange hier bleibt."

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