Sport : Kontrolliert verloren

Debütant Ukraine verabschiedet sich von der WM

Robert Ide

Hamburg – Die letzte Aktion beschreibt die Kunst des Andrej Schewtschenko – und sein Problem. Wie einen Freund umschmeichelt er den Ball, lässt ihn um seine Hacken tänzeln, bis die Italiener Simone Barone und Massimo Oddo ins Leere laufen und Schewtschenko im Strafraum einen Doppelpass probiert, doch der gerät ungenau, sein Freund ist nun fern, und Schewtschenko fällt theatralisch auf den Rasen. Das Spiel läuft ohne den Mannschaftskapitän weiter. Kurz darauf ist die Ukraine, für die ihr Star „fünf Spiele voller Stolz“ absolviert hat, ausgeschieden.

Nach dem 0:3 gegen Italien im Viertelfinale war die ukrainische Delegation dennoch zufrieden. „Das 0:3 gegen solch eine Klassemannschaft stört mich nicht“, sagte der sonst strenge Trainer Oleg Blochin und dankte den Journalisten sogar selbstironisch zum Abschied, „dass ihr viel Science-Fiction über uns verbreitet habt“. In Wahrheit waren die Ukrainer bei Medien und Fans eher unbeliebt; ihre unansehnlichen Siege passten nicht recht zur WM der Leichtigkeit. Euphorie entfachte Blochins kompaktes Team nur in der politisch zerstrittenen Heimat, die sich Hoffnung macht auf die EM 2012, um deren Ausrichtung man sich gemeinsam mit Polen bewirbt.

Immerhin hat der WM-Neuling gelernt, dass man nicht mit einem Stürmer Runde um Runde übersteht. Neben Schewtschenko durfte sich Artem Milewski versuchen, der zuvor erst 18 WM-Minuten spielte. Mitte der ersten Halbzeit kam mit Andrej Worobej ein dritter Angreifer dazu – als Verteidiger Wjatschislaw Swiderski nach einem Foul an Luca Toni vor dem Platzverweis stand und vom Feld genommen wurde.

Blochins Taktik der kontrollierten Defensive kann dem Starspieler nicht gepasst haben. Der vom AC Mailand zum FC Chelsea wechselnde Schewtschenko wurde zu oft allein gelassen. Vor der WM hatte er sich in Hochglanzmagazinen positioniert, seine Knieverletzung war rechtzeitig abgeklungen. Doch in den für Werbe- und Marktwert entscheidenden Wochen war der 29-Jährige von einem Team umgeben, das die Spielfreude in der Kabine eingeschlossen hatte. „Wenn wir wie die Italiener einen Totti, einen Toni und einen Del Piero hätten, würden wir anders spielen“, bekannte Trainer Blochin. Welche Ironie, dass die Ukraine gerade gegen Totti und Toni zeigte, was spielerisch in ihr steckt – allerdings erst, als sie nach dem frühen Rückstand auf unkontrollierte Offensive umschaltete. „Es war schon ein Sieg, so weit gekommen zu sein“, tröstete sich Andrej Gusin, der zweimal fast zum Ausgleich traf. Andrej Schewtschenko lobte den Mut der Mannschaft. Zu künstlerischem Glanz reichte es für ihn bei dieser WM trotz zweier Tore nicht. In Chelsea stehen die Chancen dafür besser.

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