Sport : Kopf in den Wind

Das 107. Deutsche Traber-Derby in Mariendorf endet mit einer Überraschung – ein Außenseiter siegt

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Von Christine-Felice Röhrs

Berlin. Ein Trabrennen ist ein schnelles Vergnügen, ein Minutenspaß sozusagen. In den ersten Sekunden laufen die Pferde noch hinter einem Auto her, bis alle volles Tempo aufgenommen haben, dann fährt das Auto ihnen davon, ein Klingelzeichen ertönt, und ab geht der Pulk. Das ist alles noch auf der anderen Seite, da, wo die Zuschauer nicht sind, die sind gegenüber, auf den Tribünen und vor den Wettschaltern. Dann sausen die Traber um die untere Kurve, mit spitz im Wind flatternden Mähnen, die Beine gestreckt nach vorne geworfen, Rufe werden laut „kommkommkomm“, die Menschen springen auf, schwenken beschwörend die Wettscheine, da strecken sich die Renner, neigen die Köpfe in den Wind, Schlussspurt. Kurz flackert Freude auf im Bauch, als die wilde Jagd nur Meter am Zaun vorüberdonnert. Geschwindigkeit, Erregung, Schreie, Hitze – Trabrennen hat durchaus etwas Erotisches. Ein kollektiver Seufzer. Die Menschen sacken auf ihre Plätze zurück. Mack November hat Pablo As geschlagen. Und schon ist alles wieder vorbei.

Das war der zweite Vorlauf. Fünf gibt es insgesamt, bis alle 42 Hengste und Wallache die Chance hatten, sich für das Finale zu qualifizieren. Das 107. Deutsche Traber-Derby ist das wichtigste Rennen des Jahres, und es ist hoch dotiert. Mehr als 173 000 Euro darf der Sieger mit nach Hause nehmen. Pablo As, der Favorit, das Pferd der Berlinerin Marion Jauß, ist drin, im Finale. Aber dass Mack, der bisher noch keinen einzigen Euro Preisgeld erlaufen hat, ihn geschlagen hat, ist schon eine Überraschung.

Später wird Marion Jauß’ Pablo As auch noch die Startnummer 10 erhalten. Die Bahn 10 liegt am weitesten außen. Das ist Pech. Außen laufen, heißt weiter laufen müssen als die anderen. Vielleicht liegt es daran, dass Pablo As sich im Finale wird geschlagen geben müssen. Er wird Zweiter. Den Sieg und die Prämie – und das ist die eigentliche Überraschung des Tages – holt sich der Außenseiter Let’s Go, gefahren von Gerhard Biendl. Dritter wird Jillis Joker mit Helmut Biendl im Sulky.

Über das Derby in Mariendorf lassen sich vielerlei Geschichten erzählen. Champagner-Geschichten zum Beispiel über die Menschen innerhalb des VIP-Bereiches. Juweliere sind hier und Prinzen und Künstler und ganz normale Menschen mit etwas mehr Geld, die 500 Euro über den Tresen des Wettschalters schieben. Es ist ein festlicher Anblick, unter den roten Sonnenschirmen. Die Damen zeigen bloße Arme und Beine – und Köpfe. Mag denn keiner mehr Hüte?

Und das ist die zweite Derby-Überraschung. Viele weibliche Gäste zeigen in diesem Jahr wohl lieber teure Strähnchen oder Sonnenbrillen als eine ausgefallene Kopfbedeckung. Anja Sokollis, die zum grünen Satin einen riesigen schwarzen Hut trägt und für den Stall November PR macht, ist darüber traurig. „Berlin verliert an Exklusivität“, sagt sie. Eine alte Dame – ganz in Flieder wie Queen Mum – hat mehr Verständnis: Hüte seien wohl nicht mehr zeitgemäß, sagt sie, man könne so schlecht küssen damit. Nein, die auffälligsten Kopfbedeckungen tragen an diesem Tag die Fahrer auf der Bahn: goldene, kugelige Helme, wie die todesmutigen Männer, die sie früher im Zirkus aus einer Kanone in die Zeltkuppel geschossen haben.

Auch Pferdegeschichten lassen sich natürlich erzählen vom Derby, die besten aus der Schrebergartenidylle hinter den Tribünen. Hier wird alles ganz still. Pfleger sonnen sich auf weißen Plastikstühlen vor den Boxen. Sulkys stehen aufgereiht und hochgeklappt wie die Liegen am Meer vor Sonnenaufgang, und Bodyguards bewachen die Finalisten. Einen Apfel kann man hier lange mit sich herumschleppen. Kein Futter vor dem Finale, sagt Jens Lauersen, Trainer und Pfleger von Mr. Mystic. Lauersen hat, obwohl er gar nicht im Sulky saß, im Vorlauf übrigens auch einen Pokal gewonnen – einen gibt es immer für den siegreichen Fahrer, einen für den Pfleger. Pferdesport ist demokratisch.

Die schönsten Geschichten aber lassen sich von da erzählen, wo die meisten gar nicht hin wollen. Aus dem Stallcasino, einer kleinen Kneipe weiter unten an der Bahn, wo sich vor allem Trainer, Pfleger und Besitzer aufhalten. Hier also stehen die Menschen um Tonnen, in die hinein man Sonnenschirme gesteckt hat und an zwei grün gestrichenen Holzbuden unter einer Kastanie. Sie bestellen Bier vom Fass, Weinbrand und Bratwurst mit Brötchen und diskutieren mit dem Wirt die Rennergebnisse. Hier hocken kleine Reiterinnen auf dem Geländer und starren auf die Großen in ihren Sulkys. Die steuern direkt zwischen den Menschen hindurch auf die Bahn. Heinz Wewering, der große Star der Branche, macht das im fliegenden Wechsel. In jedem der Vorläufe ist er dabei: Einmal gewinnt er, dreimal wird er Zweiter und einmal Dritter. Danach ist sein blau-roter Rennanzug zwar voller Schlammspritzer, und vielleicht ist er auch schon etwas müde, aber trotzdem lehnt er sich noch gegen sein Auto und hält ein Schwätzchen.

Ob mit Champagner oder Bier: Trabrennen sind ein kurzes Vergnügen – ein Tag in Mariendorf ein langes.

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