Sport : Kopflose Kopfgeldjäger

Ohne ihren gesperrten Coach rutschen die New Orleans Saints immer weiter ab.

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Abwärtstrend. Die New Orleans Saints um Quarterback Drew Brees müssen nach ihrem Fehlstart eine historische Aufholjagd starten, wollen sie noch die Play-offs erreichen. Foto: Reuters
Abwärtstrend. Die New Orleans Saints um Quarterback Drew Brees müssen nach ihrem Fehlstart eine historische Aufholjagd starten,...Foto: REUTERS

Berlin - Auf der Tribüne, im Logenbereich, jubelte Sean Payton. Die Kameras hatten ihn eingefangen, just in dem Moment, als Drew Brees Geschichte schrieb. Der Quarterback der New Orleans Saints warf im Spiel gegen die San Diego Chargers gleich zu Beginn einen Touchdown-Pass über 40 Yards zu Devery Henderson, später ließ er noch drei weitere folgen, die Saints gewannen 31:24. In 48 Spielen hintereinander gelang Brees damit immer mindestens ein Wurf, der anschließend von seinen Kollegen in einen Touchdown verwandelt wurde. Alter Rekordhalter war bis zu diesem Zeitpunkt Quarterback-Legende Johnny Unitas, der zwischen 1956 und 1960 in 47 aufeinanderfolgenden Spielen erfolgreich war.

Nachdem Brees von seinen Mitspielern wieder losgelassen wurde, blickte er kurz hoch Richtung Tribüne, zu dem Mann, den er so gern dabeihaben wollte an seinem großen Tag. Nur auf Brees’ Bitten hin war es Sean Payton seitens der National Football League (NFL) erlaubt worden, die Halle in New Orleans zu betreten.

Payton ist ansonsten eine Persona non grata im American Football. Zumindest für diese Spielzeit. Die Liga hatte den Trainer der Saints im Frühjahr gesperrt, nachdem bekannt geworden war, dass die Spieler Bonuszahlungen für besonders harte Attacken und Verletzungen ihrer Gegner erhalten hatten. Kontakt zu seinen Spielern oder seinem Vertreter Aaron Kromer als Saints-Coach sind ihm streng untersagt. Im Zuge der sogenannten „Bounty-Gate“ („Kopfgeld-Affäre“) wurden dazu unter anderem auch Paytons Assistent Joe Vitt, General Manager Mickey Loomis und Verteidiger Jonathan Vilma gesperrt. Sie alle fehlen ihrem Team, daran konnte auch der Sieg am Sonntagabend (Ortszeit) nichts ändern.

Der Erfolg gegen San Diego war für New Orleans der erste dieser Spielzeit – nach zuvor vier Niederlagen. Mit einer Bilanz von 1:4 sind die Saints bereits zu diesem frühen Zeitpunkt fast chancenlos auf das Erreichen der Play-offs. In der Geschichte der NFL schaffte es bisher nur ein Team, nach einem 0:4-Start noch in die K.o.-Runde einzuziehen. Das waren 1992 die Chargers, New Orleans Gegner vom vergangenen Wochenende.

Der Fehlstart ist aus Sicht der Saints umso deprimierender, da am Ende der Saison das Endspiel in New Orleans steigt. Und die Saints wollten das erste Team in der Geschichte der NFL werden, das vor den eigenen Fans den Super Bowl gewinnt.

Den schlechten Beginn führen die Fans vor allem auf das Fehlen Paytons zurück. Bevor der Coach 2006 nach New Orleans kam, war das Team chronisch erfolglos. Drei Jahre später holte er mit den Saints den ersten Super Bowl der Klubgeschichte. Für viele Menschen in New Orleans ist die Sperre Paytons eine Ungerechtigkeit, war es doch laut den Untersuchungen der Liga vor allem der ehemalige Defensiv-Coach Greg Williams, der sich für das „Bounty-System“ verantwortlich zeigte. Williams hatte die Saints bereits Richtung St. Louis verlassen, als er von der Liga lebenslang gesperrt wurde. Das Gefühl, benachteiligt zu werden, hat sich für viele Menschen in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina 2005 verfestigt. Ein aufgebrachter Fan ließ vor dem Spiel gegen San Diego seinem Frust freien Lauf. „Das ist nicht fair“, sagte der Mann vor laufender Fernsehkamera. „Wir müssen die ganze Saison ohne unseren Trainer auskommen, obwohl er nicht der Hauptschuldige war. Die wollen uns nicht im Super Bowl.“ Die, damit war die NFL und ihr Boss Roger Goodell gemeint.

Beim Spiel gegen die Chargers brachten die Fans wieder Plakate mit der Aufschrift „Do your Job“ mit ins Stadion. „Macht eure Arbeit“, ein bekannter Satz Paytons, den er gern an seine Spieler richtete. Außer Drew Brees haben die meisten von ihnen allerdings große Probleme, ihrer Arbeit wie gewohnt nachzukommen. Sebastian Stier

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