Sport : Kopfschütteln statt Tränen

Der 1. FC Kaiserslautern steht vor dem Abstieg – und nicht mal die Fans haben noch Hoffnung

Christian Hönicke

Kaiserslautern. Auf dem Stiftsplatz in der Stadtmitte ist ein Fisch aus Plastik angebracht, das Wappentier der Stadt. „Kaiserslautern blüht weiter“ steht darauf. Fast trotzig klingt das, als bereite man sich nach über 100 Jahren auf ein Leben ohne den großen Identitätsstifter der Stadt vor. Der 1. Fußball-Club steht zum zweiten Mal in der Geschichte vor dem Abstieg aus der Bundesliga und ist mit 30 Millionen Euro verschuldet.

Früher haben sie stolz hinaufgeschaut auf den Betzenberg. Das Fritz-Walter-Stadion hat ihnen das Gefühl gegeben, mehr zu sein als eine 100 000-Einwohner-Stadt im Pfälzer Wald. Kaiserslautern war in einer Liga mit Hamburg, München und Berlin. Doch jetzt, wo es zu Ende geht, wirft der Berg einen bedrückenden Schatten auf die Stadt. Es gibt kein Entkommen vor der Realität, alle werden ständig an die düstere Lage erinnert.

Selbst der neue Vorstandschef René C. Jäggi weiß nicht mehr weiter. Er verwickelt sich in Kämpfe mit dem Aufsichtsrat, dem er „Stillosigkeit“ vorwirft. Trainer Erik Gerets, erst kürzlich verpflichtet, will zurücktreten. „So extrem wie dieses Jahr war es noch nie“, sagt Jürgen Schäfer, der seit Jahren kein Heimspiel verpasst hat. „Ich bin kaum noch ansprechbar.“ Trotzdem ist er jedes Mal wieder da. Wie die anderen Fans, die die CD „Wir halten zum FCK“ produziert haben. Eine schöne Geste, die aber nicht die wahren Gefühle zeigt. Denn die Enttäuschung sitzt tief. Tiefer als 1996, als der Abstieg des FCK die ganze Region in Trauer stürzte.

Statt Tränen sieht man heute Kopfschütteln und abfällige Handbewegungen. Die Anhänger des FCK, die vielleicht treuesten der Bundesliga, sind frustriert. „Die Situation ist völlig anders als 1996“, sagt Alfons Molitor, der das Lauterer Idol Fritz Walter noch spielen sah. „Es fehlt das Herzblut. Wenn die absteigen, kommen sie so schnell nicht wieder hoch.“ Schäfer bringt es auf den Punkt: „Die kämpfen nicht.“ Viele in der Stadt denken so, immer mehr sprechen es aus. Wo man auch über den Klub redet –, und das tut man überall und immer – die Aussage ist die gleiche. Die Mannschaft kämpft nicht. Das ist das Schlimmste in Kaiserslautern, was man dem Team vorwerfen kann. „Ihr wollt Fritz Walters Erben sein? Dann kämpft um seinen Verein!“, stand kürzlich auf einem Plakat.

„Es gibt zu wenig Spieler aus der Region in der Mannschaft“, sagt Molitor. Spieler wie Dominguez oder Bjelica wissen nichts anzufangen mit der Atmosphäre bei den Spielen, die der eines Dorffestes ähnelt. Der Fußball ist Hauptbestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Familien sind seit Generationen mit dem FCK verbunden, nirgendwo sonst sind so viele Frauen im Stadion, zum Geburtstag wünscht man sich drei Punkte. Hier trifft man sich und sitzt noch Stunden nach dem Spiel beim Bier auf Holzbänken, die im Stadioninnenraum stehen. „Das ist eine riesengroße Familie“, sagt Bernd Heppel. Deswegen wurde er Anhänger des Vereins.

Doch sie zerbricht langsam. Molitor fühlt sich „abgezockt“ vom Verein, der ihn wie viele andere Fans vernachlässigt habe. „Wenn man nicht auf die Leute setzt, fliegt man auf die Schnauze.“ Erst recht, wenn die Leute das einzige Potenzial des Klubs sind. So wurden Menschen, die seit einem halben Jahrhundert zum FCK kommen, plötzlich die Stadionparkplätze gestrichen, um Platz für Semiprominente zu machen.

Wie schlecht die Stimmung ist, zeigt der Anschlag am Stadion: Unter der Überschrift „Der Mythos Betzenberg bröckelt“ werden fast flehentliche Worte an die Anhänger gerichtet, ihren Verein wieder mehr zu unterstützen. Die Worte „wir“ und „uns“ sind demonstrativ gefettet und groß geschrieben. Doch das hilft wenig. „Das sollten sie mal der Mannschaft in die Kabine hängen“, sagen sie in den Kneipen, und alle nicken.

Schon lange gibt es keine Verbindung zwischen dem Geschehen auf dem Platz und den Rängen mehr. Die Westkurve, einst die gefürchtetste Tribüne der Liga, ist leise geworden. „Der Funke springt nicht mehr über, weder von der Mannschaft zu den Fans noch umgekehrt“, sagt Bernd Heppel. Seit zwei Jahren werde die Stimmung kontinuierlich schlechter. „Die Westtribüne ist tot“, sagt Heppel. „Der ganze Verein ist tot.“ Die Schuldigen haben die Fans ausgemacht: die Klub-Verantwortlichen. Sie wollten aus dem FCK eine große Nummer machen, verloren die Realität aus den Augen. Jetzt steht der Klub vor dem Aus. „Bloß gut, dass Fritz Walter das nicht erleben muss“, sagt Molitor.

Der Niedergang wird Auswirkungen auf die Stadt haben. „Es gibt ja hier nichts außer dem FCK“, sagt Heppel. Schon jetzt „ist der Verkauf der Fanartikel rückläufig, gerade bei den Jüngeren“, wie Silvia zugibt, die im Fanshop „FCK-World“ arbeitet. „Aber die alten Fans lassen den Verein nicht hängen.“

Sie werden sich trotz allem immer wieder den roten Schal umbinden und auf den Betzenberg gehen, „auch in der Regionalliga“, wie Karlheinz Ballmann sagt, der das seit 35 Jahren tut. Was soll er auch sonst machen in Kaiserslautern am Wochenende? Höchstens zum Italiener „Firenze“ gehen. Der ist zwar chronisch überfüllt, aber wer auf einen Platz wartet, erhält einen Blick auf bessere Zeiten. „Kaiserslautern – FC Bayern 4:0“ steht da an der Wand. Die Aufnahme der Stadionanzeige stammt aus dem Jahr 1994.

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