Sport : Korruption und Kricket

Bei den Commonwealth Games wird der Gastgeber nicht glänzen: Der Sport in Indien liegt am Boden

Christine Mölhoff[Neu-Delhi]

Beinahe hätte er nicht antreten dürfen. Dabei ist Abhinav Bindra doch Indiens Goldjunge, der „Stolz der Nation“, wie die Medien ihn 2008 nach seinem Olympiasieg mit dem Luftgewehr in Peking nannten. Bindra ist der erste Inder überhaupt, der in einer Einzelsportart olympisches Gold holte. Trotzdem drohte Indiens Schützenvereinigung NRAI, ihn von den Commonwealth Games (CWG) auszuschließen. Weil er in Deutschland trainiere und Auswahltests verpasst habe, teilte die NRAI mit. Weil er sich mit den mächtigen Funktionären angelegt hat, glauben andere. Dabei kann Indien kaum auf Medaillenkandidaten bei den CWG verzichten, die gestern in der 16-Millionen-Metropole Delhi eröffnet wurden.

Kein großes Land schneidet regelmäßig so schlecht bei Olympischen Spielen ab wie Indien. Nach Peking entsandte die mit 1,1 Milliarden Einwohnern zweitgrößte Nation der Welt gerade 57 Sportler – die USA dagegen 596 und China sogar 639. Noch immer prägt Massenarmut das Riesenland, aus unterernährten Kindern werden keine Spitzensportler. Aber auch Indiens aufstrebende Mittelschicht bringt keine Sportkanonen hervor. Getriezt von Lehrern und Eltern, pauken viele Kinder, bis ihnen vor Erschöpfung die Augen zufallen. Die Misere fängt schon in den Schulen an. Die Hälfte hat nicht mal Spielplätze – geschweige denn Sportunterricht. Vor allem auf dem Land mangelt es an Sportanlagen. In den Städten gibt es zwar Fitness-Center, Tennisplätze, Judoschulen und Ähnliches. Aber all dies kostet Geld, den Armen ist der Weg verbaut. Vielen Indern gelten ein paar Pfunde mehr auf den Rippen zudem als Ausweis von Wohlstand und Erfolg.

Sportler in Indien haben es schwer – außer im Kricket. Fast alles dreht sich um den Sport, den die britischen Kolonialherren importierten. Athleten anderer Disziplinen steigen bestenfalls zu Jahrmarktsattraktionen auf. Wie das „Marathon-Wunderkind“ Budhia Singh. Aufgelesen von einem Judotrainer, machte der Slumjunge 2005 Schlagzeilen, weil er mit drei Jahren angeblich Strecken von 60 Kilometer rannte. Das ist natürlich grotesk übertrieben, aber der Junge wurde wirklich gequält. Die Fürsorgebehörden machten der Schinderei dann ein Ende. Es hieß, der später ermordete Coach habe das Kleinkind zum Rennen geprügelt, angeblich soll er Budhia sogar kopfüber am Deckenventilator aufgehängt haben. Dubiose Trainer wie er haben es leicht, weil es Vereinsstrukturen bestenfalls in Ansätzen gibt.

Der Herr des indischen Sports ist Suresh Kalmadi. Er wird nicht nur der Korruption verdächtigt, viele Inder lasten ihm auch das Chaos bei den Commonwealth Games an. Der 66-Jährige ist Präsident der Indian Olympic Association (IOA), der Asian Athletics Association, der Athletics Federation of India – und Organisationschef der CWG. Funktionäre wie er haben das Sagen und das Geld. Zu Olympia 2004 schickte Indien 75 Athleten nach Athen – und 220 Offizielle.

Die Karriere des Sportschützen Abhinav Bindra illustriert, was im Argen liegt: Nur weil sein Vater, ein Industrieller aus dem Punjab, über das nötige Kleingeld verfügte, konnte Bindra professionell trainieren. So ließ Papa nicht nur eine Schießanlage bauen, die Familie zahlte auch das Training im Ausland. „Die letzten 15 Jahre habe ich in Deutschland trainiert“, sagt Bindra. Er fordert nun, Athleten im indischen Sport einzubinden. Bei seiner Danksagung nach dem Olympiasieg sparte er demonstrativ NRAI und IOA aus – ein Affront im hierarchiebewussten Indien.

Auch der frühere Hockey-Kapitän Pargat Singh kritisiert die Sportbosse. Singh warf Kalmadi vor, eine „Sport-Mafia“ anzuführen. Doch die meisten Sportler halten lieber den Mund. Es ist gefährlich, sich mit den Mächtigen anzulegen.

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