Korruptionsvorwürfe : Die Fifa erschüttert sich selbst

Eine Fußball-WM und mehrere Funktionäre im Zwielicht: Für die WM 2022 in Katar sollen 20 Millionen Dollar an Bestechungsgeld geflossen sein. Fifa-Präsident Blatter machte Erklärungsversuche auf einer emotional aufgeladenen Pressekonferenz.

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Fifa-Präsident Joseph Blatter.
Fifa-Präsident Joseph Blatter.Foto: dpa

Berlin - Ist das nun der „Fußball-Tsunami“, den der suspendierte Fifa-Vizepräsident Jack Warner angekündigt hatte? Oder haben die Erschütterungen, die den Internationalen Fußball-Verband gerade ins Wanken bringen, immer noch nicht ihre Höchststärke erreicht? Als sei die Suspendierung Warners und des Präsidentschaftskandidaten Mohamed Bin Hammam am Sonntag nicht schon genug gewesen, schlugen am Montag zwei weitere Meldungen in der Zentrale des Weltfußballs in Zürich ein: WM in Katar möglicherweise gekauft, Präsident Joseph Blatter möglicherweise korrupt.

Nicht, dass nach diesen beiden Andeutungen das öffentliche Bild der Fifa korrigiert werden müsste. Doch die Ereignisse lassen den Schluss zu, dass gerade ein Schweigekartell aufbricht. Ein ehemaliger Fifa-Offizieller will an diesem Dienstag vier Mitglieder aus dem Exekutivkomitee der Fifa benennen, die sich ihre Stimme für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar für zusammen 20 Millionen Dollar haben abkaufen lassen. Das berichtet der Sportinformationsdienst. Es soll sich um Mitglieder aus Kamerun, Paraguay, Argentinien und Guatemala handeln.

Schon im britischen Unterhaus waren Anschuldigungen gegen Mitglieder der Fifa-Exekutive geäußert worden, als Höchstsumme ging es dabei um 1,5 Millionen Dollar für einen Funktionär. Jedoch war auch in diesem Bericht von vier Fifa-Männern die Rede. Mit den Vorwürfen aus England hatte sich die Exekutive am Montag befasst. „Schwerer Schaden ist der Fifa entstanden und es hat viele Enttäuschungen gegeben“, sagte Fifa-Präsident Joseph Blatter abends bei einer Pressekonferenz. „Es gibt aber keine Beweise.“

Das war eine der nüchternen Antworten in einer emotional aufgeladenen Pressekonferenz, in der sich beinahe jede Frage um die Krise der Fifa drehte. „Wir sind nicht in der Krise, wir haben Schwierigkeiten“, rief Blatter erregt. Er forderte Respekt von den Journalisten, beantwortete aber von jedem nur eine Frage, auch wenn ihm zwei gestellt worden waren. Und über seine Kollegen im Exekutivkomitee sagte der Fifa-Präsident: „Ich habe mir die Mitglieder nicht ausgesucht, ich muss mit ihnen auskommen und versuche, das Beste daraus zu machen.“

Am Sonntag war Blatter vor der Ethik-Kommission gut weggekommen, ihn hatte sie freigesprochen, seinen Rivalen Mohamed Bin Hammam dagegen suspendiert. Am Mittwoch hat Blatter daher freie Bahn zur Wiederwahl für weitere vier Jahre. Denn eine Dreiviertelmehrheit zur Verschiebung der Wahl dürfte kaum zustande kommen. Der britische Premierminister David Cameron hatte eine solche Verschiebung gefordert. „Wenn sich Regierungen bei der Fifa einmischen, läuft etwas schief“, sagte Blatter nun.

Dass die WM 2022 in Katar „gekauft“ gewesen sein soll, hatte jedoch kein Geringerer als Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke in einer Mail erwähnt, die jetzt bekannt wurde. Es sei eine „private Mail“ gewesen, sagte Valcke, der als Verbündeter Blatters gilt. Er hatte sein Unverständnis darüber geäußert, warum Bin Hammam als Fifa-Präsident kandidiere, und geschrieben, dass Bin Hammam vielleicht geglaubt habe, „dass man die Fifa kaufen könnte, so wie sie die WM gekauft haben“. Valcke schickte dieser privaten Mail nun ein öffentliches Dementi hinterher: „Ich wollte damit nicht sagen, dass Stimmen gekauft worden seien oder ein anderes anstößiges Verhalten unterstellen.“

Aus dem Bewerbungskomitee Katars kam eine schnelle Reaktion. „Katar 2022 weist jegliches Fehlverhalten im Zusammenhang mit der gewonnenen Bewerbung zurück.“ Auch Blatter wies alle Spekulationen um eine unlautere Vergabe der WM zurück: „Die Wahl lief nach dem selben Muster ab wie die für die WM 2018. 2022 ist für uns kein Thema.“

Doch verteidigen muss Blatter sich auch selbst. Denn Jack Warner beschuldigte den Fifa-Präsident der Korruption. Ein „Geschenk“ in Höhe von einer Million Dollar habe er dem Fußballverband Nord- und Mittelamerikas sowie der Karibik, kurz Concacaf, gemacht. Warner, Fußballfunktionär aus Trinidad und Tobago, sollte darüber auch gut Bescheid wissen. Er ist Präsident der Concacaf.

Präsident Blatter machte am Montagabend in der Pressekonferenz einen Erklärungsversuch zu den Vorwürfen gegen ihn: „Zum 50. Geburtstag habe ich Concacaf zwei Projekte angeboten, und das Exekutivkomitee hat dabei zugestimmt.“ Als Kronzeuge gegen Blatter ist Warner auch nicht gerade qualifiziert. Er machte offenbar mit Bin Hammam gemeinsame Sache. Zusammen sollen sie versucht haben, Stimmen für Bin Hammams Wahl zum Fifa-Präsidenten zu kaufen. 40 000 Dollar hätten sie Funktionären aus der Karibik geboten. Die Ethik-Kommission der Fifa hat beide dafür suspendiert.

An diesem Dienstag beginnt der Fifa-Kongress, an dem alle 208 Mitgliedsverbände teilnehmen. Blatter will die Fifa wieder einen. Mehr Moral und mehr Transparenz will er erreichen. „Wir haben einen Ethik-Code. Er besteht aus gerade einmal 21Artikeln, aber ich glaube, dass ihn nicht einmal alle Fifa-Mitglieder kennen.“

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