Sport : Kosmische Bestimmung

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Michael Rosentritt über das Glück, zu dem Hansa Rostock gezwungen wird

Der FC Hansa Rostock bleibt doch der etwas andere Fußballklub. Keine Schulden, keine Skandale, keine TrainerEntlassung, jedenfalls nicht in dieser Saison. Armin Veh ist gestern von sich aus zurückgetreten, einfach so. Sicher, besonders gut steht der FC Hansa nach vier sieglosen Spielen in Folge nicht da in der Tabelle. Aber die Rostocker sind nicht mal auf einem Abstiegsplatz (und damit besser als etwa Hertha BSC). Und außerdem: Steht Hansa nicht immer unten?

Egal, jetzt wird der Klub zu seinem Glück gezwungen. Vehs Kotrainer Juri Schlünz soll die Mannschaft vorerst führen. Und dieser Mann ist so etwas wie der Fixpunkt im Universum des FC Hansa. Seit 1968 gehört Schlünz dem Verein an, er absolvierte 253 Spiele für Hansa in der Oberliga und zum Abschluss seiner Karriere noch einmal 25 in der Bundesliga. In der Saison 1990/91, der letzten der ehemaligen DDR-Oberliga, führte er Hansa zum ersten Meistertitel und zum Pokalsieg. Bei den Fans ist er beliebt wie kein Zweiter – auch auf der Trainerbank. Zweimal schon sprang Schlünz als Interimstrainer ein, einmal im September 2000 für zwei Spiele und dann noch einmal im Dezember 2001 für zwei Spiele. Insgesamt vier Spiele nur, aber keines ging verloren, und besiegt wurden Mannschaften wie Bayer Leverkusen und der FC Bayern München. Das hat ihm einen schönen Spitznamen eingebracht: Juri, der Unbesiegbare.

Doch beide Male gelang es der Führungsetage des Vereins nicht, Schlünz für den Posten des Cheftrainers zu gewinnen. Als Grund ließ er damals verbreiten: Er wolle nicht, dass die Fans irgendwann mal „Schlünz raus!“ rufen. Seine Meinung soll er bis heute nicht geändert haben. Doch wer würde in Rostock schon „Schlünz raus!“ brüllen? Für Hansas Fans ist Juri Schlünz so etwas wie der Franz Beckenbauer des Nordens – er kann anfassen, was er will, es gelingt. Juri Schlünz ist, im doppelten Sinne, der Überflieger des FC Hansa Rostock. Seinen russischen Vornamen verpassten ihm seine Eltern nach Juri Gagarin, der zur Zeit seiner Geburt als erster Mensch ins All geflogen war. Wenn das keine kosmische Bestimmung ist.

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