Sport : Kotrainer Bernd Storck über Dinge, die sich am Rande eines Spiels abspielen

Michael Rosentritt

Jürgen Röber rannte, was das Zeug hielt. Dieter Hoeneß grinste noch einmal breit ins olympische Rund zu Berlin und nahm schließlich die Verfolgung auf. Eben hatten beide noch mit ansehen müssen, wie die Torumrahmung Hertha BSC vor einem Gegentor rettete. Der für Ulm spielende Portugiese Rui Manuel Marques hatte in der 90. Minute den Pfosten getroffen. Nicht, dass Trainer und Manager von Hertha BSC das Spiel gegen den SSV Ulm 1846 derart auf den Magen geschlagen wäre. Vielmehr hatten Röber und Hoeneß für den weiteren Tagesverlauf andere Pläne. Dazu später.

"Okay, das Ding ist gelaufen. Mach du das heute", hatte Röber seinem Kotrainer Bernd Storck noch zugerufen. Bernd Storck sitzt das erste Mal auf dem Podium vor der Presse. Was kann schon nach einem 3:0 über den Tabellenletzten gefragt werden? Mal abgesehen davon, dass sich mancher den Nebel von Barcelona gewünscht hätte. Storck spricht also von einem wichtigen Sieg und erzählt noch das eine oder andere auf nebensächliche Nachfragen. "Ich bin ja durch Zufall hierher gekommen." Es sei toll, mal die Atmosphäre live mitzuerleben, "sonst verfolge ich die Pressekonferenz immer im VIP-Raum." Der Herr aus Herne, der 171 Bundesligaspiele für Borussia Dortmund bestritt, besteht die für ihn ungewohnte Pflicht ohne Patzer. "Nein, nein", sagt er, "wenn wir heute nicht gewonnen hätten, wäre der Jürgen gekommen. Dann hätte er sich gestellt."

Storck wirkt unverbraucht, fast schon charmant. Er hört sich die Fragen genau an, vermutet keine Falle, blickt seinem Gegenüber in die Augen. Er kennt sie ja alle, die üblichen Fragen, die kommen. Vom Erzählen her oder eben aus dem VIP-Raum, wo die Pressekonferenzen live übertragen werden. Nur diesmal muss er die Antworten geben. Sie fallen untypisch präzise aus.

Bernd Storck könne damit leben, im Schatten Jürgen Röbers zu stehen. Er habe seinen eigenen Bereich, den er zu erledigen hat. "Ich denke, dass er Wert auf meine Ratschläge legt", sagt der Mann, der Stimmungen innerhalb der Mannschaft erfühlt, sie überschläft und gegebenenfalls weiterreicht. "Wenn es dem Erfolg dient." Irgendwann fällt das Wort Loyalität. "Das Wichtigste unserer beruflichen Beziehung", sagt Storck. Mitte der Achtziger haben sich beide kennen gelernt. Röber spielte damals für Leverkusen, Storck in Dortmund. Persönlicher wurde das Verhältnis während der Trainerausbildung in Köln, die beide Anfang der 90-er Jahre abschlossen. Röbers erste Trainerstation war Rot-Weiß Essen, die zweite der VfB Stuttgart. Da stand Bernd Storck ihm schon zur Seite. Gut fünf Jahre ist das jetzt her. "Ich kann ihm jederzeit offen meine Meinung sagen. Es bringt ja nichts, wenn ich ihm immer Recht gebe."

Gelegentlich kann er einem Leid tun. "Auf der Trainerbank bei uns ist immer viel los." Das ist eine recht diplomatische Umschreibung all dessen, was sich während der 90 Minuten rund um seinen Vorgesetzten abspielt. Beobachter befürchten oft Schlimmstes. Sowohl was die Gesundheit Röbers im Allgemeinen als auch das Gehör Storcks im Besonderen anbelangt. "Jürgen kommentiert alles, was auf dem Platz passiert." Vorzugsweise Fehlerquellen. "Er ist ein Perfektionist und sehr emotional. Da ist es manchmal ganz gut, dass ich an seiner Seite sitze", sagt Storck und erzählt etwas, was er so eigentlich gar nicht sagen will. "Einer muss ja die Übersicht behalten."

Kaum einer geht während des Spiels so sehr mit wie Jürgen Röber. "Er ist etwas gelassener geworden, auch wenn es zuletzt wenig Grund dafür gab." Alleinverantwortung? "Sicher, irgendwann mal, vielleicht. Ich werde niemals meinen Chef beerben. Wir kommen und wir gehen zusammen."

So wie Röber und Hoeneß am späten Sonnabend. Mit dem Flugzeug ging es nach Portugal, nach Guimares, wo sie sich den 21-jährigen Brasilianer Fernando Meira angesehen haben. So lange da noch ein Kotrainer ist, der die Stellung hält ...

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